Das Werk im Überblick
Diese Seite fasst in wenigen Punkten den Beitrag Alfred Tomatis’ zusammen. Für die ausführliche Darstellung siehe die Biographie; für die datierten Eckpunkte die Chronologie; für die belegenden Dokumente die Archive.
Die Verbindung von Ohr und Stimme
Die Gründungsintuition Tomatis’ besteht darin, dass die Stimme vom Ohr abhängt: Ein Subjekt vermag stimmlich nur das wiederzugeben, was es zu hören imstande ist. Die Genauigkeit der stimmlichen Hervorbringung wird nicht allein vom Kehlkopf bestimmt, sondern vom Ohr, das fortwährend kontrolliert und regelt, was die Stimme hervorbringt. Tomatis fasste dies in jener berühmt gewordenen Wendung zusammen — „man singt mit dem Ohr" — und leitete daraus den weitergreifenden Gedanken einer engen Verzahnung von Ohr, Stimme und Nervensystem ab.
Das Zuhören, unterschieden vom Hören
Der dauerhafteste Begriff Tomatis’ ist die Unterscheidung zwischen Hören und Zuhören. Das Hören ist eine passive Funktion: Klänge wahrzunehmen. Das Zuhören ist ein Akt — der aktive und willentliche Gebrauch des Ohrs, der auf Kommunikation und Sinn ausgerichtet ist. Man kann hören, ohne zuzuhören. Auf das Zuhören, und nicht allein auf das Hören, will sein Vorgehen wirken, indem es dieses als eine Funktion auffasst, die sich schulen und neu schulen lässt.
Das Elektronische Ohr
Aus dem Gedanken, dass das Zuhören die Stimme lenkt, ergibt sich das für die Methode kennzeichnende Instrument. Das Elektronische Ohr spielt nach genauen Vorgaben gefilterte und modulierte Klänge ein, um das Ohr zu beanspruchen und sein Zuhören gleichsam neu zu schulen. In den 1950er Jahren entwickelt, ist es die unmittelbare technische Anwendung der von Tomatis herausgearbeiteten Prinzipien.
Die Audio-Psycho-Phonologie
Tomatis fasste die Gesamtheit seiner Arbeiten unter dem Namen Audio-Psycho-Phonologie (APP) zusammen, gemeinhin als „Tomatis-Methode" bezeichnet. Ursprünglich für Sänger und Stimmstörungen konzipiert, wurde sie schrittweise auf ein weit größeres Feld ausgedehnt: Sprach- und Lernschwierigkeiten, Aufmerksamkeitsstörungen, Fremdsprachenerwerb sowie die Begleitung unterschiedlichster Zielgruppen. Die Musik — die Werke Mozarts, der gregorianische Choral — nimmt darin eine erkennbare Stellung ein.
Tragweite und Diskussion
Der Beitrag Tomatis’ wird unterschiedlich bewertet. Die wissenschaftliche Tragweite der Methode bleibt umstritten, und die in den 1950er Jahren den Akademien vorgelegten „Gesetze" haben zu keinen Veröffentlichungen geführt, die den üblichen wissenschaftlichen Anforderungen entsprächen. Doch die Aufmerksamkeit, die dem Zuhören — als unterschieden vom bloßen Hören — und der Rolle des Klanges in Entwicklung und Kommunikation entgegengebracht wird, bleibt sein am breitesten anerkannter Beitrag — bis zu dem Punkt, dass neuere Arbeiten zur zerebralen Plastizität einige Autoren dazu bewogen haben, sein Werk neu zu prüfen. Die Biographie legt diese kontrastreiche Rezeption ausführlich dar.
Diese Synthese verdichtet Elemente, die in der Biographie entfaltet und belegt sind.