Gründungsbuch einer Alfred Tomatis besonders teuren Thematik: das uterine Leben als erste Schule des Zuhörens. 1981 bei den Éditions Stock erschienen, illustriert mit Zeichnungen von Guy Plomion, schlägt das Werk auf einem klinischen, von mehr als fünfundzwanzig Jahren der Beobachtung getragenen Weg eine wahrhafte Anthropologie des pränatalen Zuhörens vor. Tomatis enthüllt darin, was der Fötus hört, wie er sich mit der mütterlichen Stimme durchtränkt, und wie diese Durchtränkung die ersten psychischen Strukturierungen nach der Geburt bedingt.

Umschlag von La Nuit utérine, Alfred Tomatis, 1981

„Alles ist Gedächtnis… Das lebendige Wesen empfindet, behält. Der Organismus vergisst nie etwas."

Pr. Robert Debré, als Motto

Vorstellung

Die Idee zu La Nuit utérine kommt Tomatis nach einer Begegnung mit einem „widerspenstigen" Vater, dessen Tochter Isabelle (4 Jahre) an einem Ausbleiben der Sprache leidet. „Auf keinen Fall", antwortet ihm dieser Vater, als Tomatis den Anteil zur Sprache bringt, den die Mutter-Fötus-Kommunikation an den Störungen seiner Tochter spielt. Dieser brüske Einwand erschüttert den Verfasser, der beschließt, das Buch zu schreiben, das ein Vierteljahrhundert Forschungen über das intrauterine Zuhören „schwarz auf weiß" festhalten würde.

Die Wette wird gehalten. Ausgehend von präzisen klinischen Fällen (Isabelle eröffnet das Werk) steigt Tomatis zu den physiologischen Grundlagen des fötalen Hörens hinab: in welchem gestationalen Alter wird das Innenohr funktional? Was nimmt es wahr? Wie werden die Klänge durch die Fruchtwasser gefiltert? Welche Stellung nehmen die Stimme der Mutter, ihre Beugungen, ihre Tonfälle ein? Und was geschieht nach der Geburt mit dem Kind, das diese vollständige Durchtränkung nicht erfahren hat?

Die Illustrationen von Guy Plomion — Maler und Zeichner — begleiten die Lektüre und verleihen bislang stummen Wirklichkeiten eine sichtbare Gestalt. Es ist eines der seltenen wissenschaftlichen Werke Tomatis’, das eine fast poetische Dimension anerkennt.

Inhaltsverzeichnis

  • Auf keinen Fall — der klinische Auslöser: Isabelle und ihr widerspenstiger Vater.

  • Das Ohr des Fötus — Embryologie und Physiologie des pränatalen Hörens.

  • Mütterliche Stimme, väterliche Stimme — was die Fruchtwasser filtern, was hindurchgeht.

  • In das Luftleben hineingeboren werden — der klangliche Bruch der Geburt, die Rolle des Urschreis.

  • Das Zuhören wiederherstellen — klinische Anwendungen: wie das Elektronische Ohr es erlaubt, diese ersten verfehlten Etappen nachträglich erneut zu durchschreiten.

  • Auf dem Weg zu einer bewussten Elternschaft — die pränatale Erziehung, die Verantwortung der Eltern.

Stellung im Werk

La Nuit utérine ist das klinische Vorwort zu dem, was acht Jahre später Neuf mois au paradis (1989) sein wird. Wo dieses einen zugänglicheren und polemischeren Ton anschlägt (in Antwort auf die damalige Mode der „pränatalen Stimulation"), bleibt La Nuit utérine die grundlegende, wissenschaftlich strenge Darstellung, welche die theoretischen Grundlagen legt. Die Begriffe des fötalen Zuhörens, der mütterlichen klanglichen Durchtränkung, der psycho-akustischen Kontinuität zwischen Pränatalem und Postnatalem erhalten darin ihre endgültige Gestalt.

Das Wesentliche

Für Hebammen, Pädiater, perinatale Psychologen, Geburtshelfer, künftige Eltern — und für jeden Erwachsenen, der nach der psychischen Genese des Menschen fragt — ist La Nuit utérine ein Referenztext. Tomatis schlägt darin eine Sicht vor, in welcher die Kommunikation zwischen Mutter und Kind nicht erst mit der Geburt einsetzt, sondern viel früher, durch den Kanal eines bereits aktiven Ohrs. Die praktische Tragweite ist beträchtlich: den Störungen der Sprache und der Kommunikation durch Begleitung der Schwangerschaft vorzubeugen, aber auch durch die auditive Wiedererziehung das wiederherzustellen, was unzureichend gewesen wäre. Bewegende, zugängliche, herrlich illustrierte Lektüre.


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