Letztes Werk Alfred Tomatis’ (1996 erschienen, fünf Jahre vor seinem Tod), das in einer weiten kosmologischen Synthese die Gesamtheit der Intuitionen versammelt, die sein Forscherleben geleitet haben. Im Untertitel Du Big Bang à Mozart : à la découverte de l’univers où tout est son verlässt das Buch das streng klinische Feld, um eine eigentliche „Klang-Anthropologie" des Universums vorzuschlagen: von den ursprünglichen Schwingungen des Anfangs bis zu den feinsten Harmonien der Musik ist alles, was existiert, nach Auffassung des Autors Erscheinung einer universalen Schwingung.

Umschlag von Écouter l’univers, Alfred Tomatis, 1996

„Möge diese kosmische Symphonie […]"

Widmung an Olivier Piaget

Vorstellung

Mit 76 Jahren ist das medizinische, wissenschaftliche und klinische Werk Alfred Tomatis’ vollendet. Fünfzehn veröffentlichte Bücher, hunderte von Aufsätzen, eine gegründete Disziplin (die Audio-Psycho-Phonologie), ein internationales Netz, das von Paris bis Tokio über Madrid, Mexiko, Toronto und Johannesburg ausschwärmt. Die Stunde ist gekommen, da dieser zum Philosophen gewordene Arzt die grosse Synthese vorlegen muss — jene, die das menschliche Ohr in die kosmische Ordnung wieder einfügt, in einer Perspektive, die Physik, Metaphysik und Spiritualität ineinander verschränkt.

Das Buch eröffnet mit der Akustik — einer Disziplin von unscharfen Konturen, von der Tomatis bereits in der Einleitung hervorhebt, sie könne nur mit Mühe „den Rang behaupten, der ihr unter den exakten Wissenschaften eigentlich zukäme". Er greift deren Grundlagen auf: mechanische Wellen, Ausbreitungsmedien, Obertöne, Resonanzen. Doch weitet er sie schrittweise aus, bis sie die gesamte physikalische Wirklichkeit umfassen: das Licht selbst ist Schwingung, die Teilchen sind Schwingung, das ganze Universum — seit dem ursprünglichen Urknall — ist Schwingung. Und das menschliche Ohr ist in dieser Klang-Kosmologie das Organ schlechthin, durch welches der Mensch das Universum „zu hören" und in ihm seinen Ort einzunehmen vermag.

Das Werk nimmt eine spirituelle Tonart an, die es von den vorangehenden unterscheidet. Tomatis tritt darin in ein Gespräch mit den grossen mystischen Traditionen, ruft die Kirchenväter, den Koran, die Veden auf; er führt ohne Unterschied Pythagoras, Augustinus, Mozart und die zeitgenössische Wissenschaft ins Feld. Diese — von manchen Kommentatoren als „New Age" bezeichnete — Tonart wird vom Autor vollumfänglich auf sich genommen: „dann muss man sich jener alten, so oft erneuerten Bitte erinnern: ‚Herr, öffne mein Ohr.’" (Schlusswort).

Inhaltsverzeichnis

  • Einleitung — die Akustik als vernachlässigte Disziplin.

  • Die grosse ursprüngliche Schwingung — vom Urknall zu den ersten klanglichen Strukturen des Universums.

  • Das Universum ist Musik — Obertöne, Resonanzen, kosmische Konsonanzen.

  • Das menschliche Ohr, kosmische Antenne — Physiologie des Zuhörens, neu gelesen im Licht der Kosmologie.

  • Vom Zuhören zum bewussten Zuhören — Pädagogik des Zuhörens, Tomatis-Methode.

  • Das spirituelle Zuhören — mystische Traditionen des Zuhörens (christlich, jüdisch, sufisch, hinduistisch).

  • Schlusswort — „Herr, öffne mein Ohr."

Stellung im Werk

Écouter l’univers ist das geistige Vermächtnis Alfred Tomatis’. Es übersteigt absichtlich den medizinisch-wissenschaftlichen Rahmen der vorangehenden Werke, um eine integrierte Vision — anthropologisch, kosmologisch und spirituell — des Zuhörens vorzuschlagen. Das Buch verlängert die schon in L’Oreille et la Vie (1977) angelegten Intuitionen, die im Schlusswort der Neuausgabe von 1990 verstärkt aufgenommen wurden („jede Entdeckung findet ihren Daseinsgrund nur in einem Zusammenhang, der sie in ein besseres Verständnis der Beziehungen einfügt, die zwischen der menschlichen Bedingung und der unendlichen Grösse des Schöpfers bestehen müssen"). Wer die vollständige Bahn des tomatisschen Denkens verstehen will, dem ist dieses Buch die letzte Etappe — jene, die öffnet, statt zu schliessen.

Das Wesentliche

Anspruchsvolle Lektüre, für den streng naturwissenschaftlich gesinnten Leser zuweilen befremdend, jedoch wesentlich für das Verständnis der philosophischen Einheit des Werkes. Tomatis entfaltet darin ohne Zurückhaltung die spirituelle Dimension, die er in seinen vorangehenden Büchern allmählich hatte aufscheinen lassen. Zu empfehlen jedem, der sich für integratives Denken, für die Bezüge zwischen Wissenschaft und Spiritualität, für die Philosophie der Wahrnehmung und schliesslich für jene grosse Frage interessiert: spricht das Universum? und wie ist es zu hören?


Verfügbar in Bibliotheken — BnF, Sudoc.