Vortrag, gehalten auf dem IV. Internationalen Kongress für Audio-Psycho-Phonologie*,* Madrid, Mai 1974*, durch* Dr Jean Sarkissoff*, Centre du Langage, Genf (Schweiz).*

Das Elektronische Ohr, ergänzende Technik in der Psychotherapie. Variationen über das Thema der „Wiedergeburt".

Seit drei Jahren bediene ich mich des Elektronischen Ohrs als einer ergänzenden Technik in meiner psychotherapeutischen Praxis, und es ist mir deutlich geworden, dass es in vielen Fällen eine sehr nützliche Rolle als Aktivator der Psychotherapie spielen kann. Geburtsphantasmen — und, wer weiß, Erinnerungen? — treten mit ziemlicher Häufigkeit auf, und ihre Bearbeitung erschien mir fruchtbar.

Das ursprüngliche Geburtsphantasma

Da der Fortschritt, die Evolution sich tastend vollziehen — von Misserfolgen zu Teilerfolgen und von Irrtümern zu in Frage zu stellenden Entdeckungen —, belohnt die Freude des vorübergehenden Erfolgs den Schmerz der Arbeit und des Bemühens. Darf man annehmen, die Geburt des Menschen mache in einem so offenkundigen kosmischen Gefüge eine Ausnahme?

Dem im Unbewussten niedergelegten ursprünglichen Geburtsphantasma kommt die kapitale Aufgabe zu, alle späteren Haltungen notwendiger Ablehnung, gesunder Anfechtung, aufbauender Opposition möglich zu machen — und dies das ganze Leben hindurch. Dies sagt die Bedeutung einer vollkommenen Annahme der „Geburt": sie bildet das Urbild aller dem Fortschritt notwendigen Selbstbefragungen. Im gegenteiligen Fall, wenn die Geburt nur teilweise angenommen oder verweigert wird, lagert sich ein Phantasma der Unterwerfung, der Niederlage im Unbewussten ab — das die Liegestatt aller späteren neurotischen Unterwerfungen vor dem Über-Ich bereiten wird.

Der Erfolg oder das Scheitern in der Bewältigung aller späteren Frustrationen hängt von der Art und Weise ab, in der das ursprüngliche Geburtstrauma erlebt wurde.

Der Fötus im Uterus

Der Fötus findet im Uterus ein Klima der Sicherheit, in dem er gewebt und geliebt wird. Es ist seine künftige Liebe zum Leben, die sich in dieser ursprünglichen Nacht vorbereitet, in der seine erste Beziehung zum Universum entsteht — jene, die sein Leben lang der Hintergrund bleiben wird, auf dem sich alle seine sinnlichen Wahrnehmungen einzeichnen werden.

Die beruhigende und angstlösende Wirkung der gefilterten Klänge rührt daher, dass sie ihrer Natur nach befähigt sind, in den Tiefen des Unbewussten jenes ursprüngliche Erleben wieder zu beleben, jenes besänftigte Vertrauen in das Leben, das uns — über die Mutter hinaus — in jedem Augenblick webt.

Der erste Akt wechselseitiger Liebe

Bei der Geburt geschieht, sofern alles ohne Hindernisse vor sich geht, der erste Akt wechselseitiger Liebe: das Kind nimmt die Aufnahme durch seine Mutter wahr und gibt ihr seine Antwort, freudig seine Geburt annehmend. Die unermüdliche spätere Wiederholung dieser beiden Tatsachen wird sein Seelenleben mit unauslöschlichen Furchen prägen und sein Schicksal kennzeichnen. Jeder spätere Akt der Liebe wiederholt sodann jenen, dem es am Anfang seines Lebens zugestimmt hatte. Doch versagt die Mutter in ihrer Funktion der Einfühlung und der Aufnahme, scheitert sie in ihrer Rolle als Einweihende in die Liebe, so kann es geschehen, dass ihr Kind in jedem Akt der Liebe später eine Gefahr sieht, die es veranlasst, sein Leben lang vielleicht davon Abstand zu nehmen, dem anderen in einer Haltung des Schenkens entgegenzukommen.

Die Geburt anzunehmen heißt lieben; heißt eine Art Tod anzunehmen und ihn dank der Kommunikation zu überwinden. In manchen Mythen begegnet das Thema des Todes dem der Liebe. Lieben heißt ein wenig sterben, sich für den anderen vergessen und im Tiefsten unserer selbst die Annahme unseres Geborenwerdens wiederholen.

Es ist die Weigerung, geboren zu werden, die bewirkt, dass die Geburt zum Trauma wird. Seine Geburt anzunehmen ist ein unbewusstes Phantasma, das jeden Tag verwirklicht werden muss.

Die Weigerung, geboren zu werden

Unsere tägliche Praxis lehrt uns, dass das Kind von Anfang an fähig ist — und mit verblüffender Eindringlichkeit —, die Liebe seiner Mutter zu ihm in allen ihren Modalitäten wahrzunehmen. In der Kommunikation mit seiner ganzen Umgebung, und zuerst mit seiner Mutter, wird sich sein Seelenleben formen. Der verletzlichste Punkt dieses Lehrens der Liebe liegt bei der Geburt und in den folgenden Wochen.

Baut sich diese Beziehung der Kommunikation-zur-Welt auf allen Ebenen — vom Bewussten bis in die tiefsten Schichten des Unbewussten — unter dem Zeichen der Liebe auf, so ist die seelische Gesundheit fest begründet. Doch wenn Störungen der Liebesbeziehung des Kindes zu seiner Mutter und zu seinen ersten Objekten seine Entwicklung gekennzeichnet haben, so bilden sich im Unbewussten neurotische Fixierungen, die später Symptome hervorrufen werden.

Die Entfaltung der Person ist also die Frucht der Erziehung, und die Psychotherapie muss eine zweite Auflage dieser selben Erziehung zu verwirklichen suchen, um deren schlechte Konditionierungen zu tilgen. Die Tomatis-Behandlung leistet in der Psychotherapie oft eine kostbare Hilfe, da sie durch das Hören der gefilterten mütterlichen Stimme den Patienten in jene Regression führen kann, die zur Umformung seiner ersten Fixierungen notwendig ist.

Geboren werden heißt zugleich die Mutter, die alles ist, verlieren und wiederfinden: „sterben" und „wiederleben" — das ist die Lehre des Phönix.

Die Patienten, die verweigern

Der Psychotherapeut, der die gefilterte mütterliche Stimme und die sonischen Geburten mit dem Elektronischen Ohr verwendet, befindet sich oft in einer bevorzugten Lage, um die wiederbelebten Phantasmen zu beobachten, welche die „Geburt" der Patienten belastet haben.

Manche verweigern bisweilen, auf systematische und hartnäckige Weise, die Gesamtheit der Interventionen. Obwohl wohl begründet, im richtigen Augenblick und mit Wohlwollen vorgebracht, hat man die Überraschung, sie mit einer unverrückbaren und anhaltenden Feindseligkeit verweigert zu sehen — die die übertragungsmäßige Reproduktion der ursprünglichen Weigerung der Mutter durch diese Patienten von ihrer Geburt an darstellt.

Sie haben in der Tat von ihrer Geburt einen tiefen Zustand der Erbitterung bewahrt, der sie hindert, irgendetwas zu introjizieren; alles, was man ihnen gibt, erscheint ihnen als schlecht und ist zurückzuweisen. Der Zustand, in dem sie sich bei ihrer Geburt befunden haben, im Tiefsten ihrer selbst verdrängt geblieben, belebt sich in der Übertragungssituation neu. Ihre Mutter wird in ihrer wesentlichen Rolle verweigert; diese Patienten verweigern sich selbst, verweigern ihre eigene Geburt. Sie schleppen sodann — ihr Leben lang — ein neurotisches Gefühl existenziellen Unbehagens mit sich und eine charakterliche, grundlegende und unaufhörlich frustrierte Forderung.

Die Verweigerung des postnatalen Lebens scheint sich in manchen Fällen in einer psychogenen Hypakusis der Schallleitung niederzuschlagen, die wahlweise die Luftleitung betrifft — wobei die Kurve des Knochenhörens über jener des Lufthörens liegt. Eine solche Kurve wurde bei einer suizidalen jungen Frau beobachtet, bei der die Analyse einen Bruch der Kommunikation mit ihrer Mutter zutage förderte, der aus ihrem allerersten Lebensalter datierte. Die Behandlung durch Psychotherapie und Elektronisches Ohr erzielte eine tiefgreifende Umwandlung des klinischen Bildes, die durch die Besserung des audiometrischen Verlaufs bestätigt wird.

Scham, geboren zu sein

Die Verantwortung und das Bewusstsein seiner selbst hängen von der liebevollen Annahme des Kindes durch seine Mutter ab, mit der es sich identifiziert. Dieses Gefühl bildet die Grundlage der tiefsten menschlichen Freude. Doch es kann sich mit unerträglichen moralischen Eigenschaften beladen, die mit der Lebensfreude unverträglich sind. Die Patienten verweigern es alsdann, „geboren zu werden", verantwortlich zu sein, und ziehen es vor, im Phantasma zur fötalen Unverantwortlichkeit zurückzukehren.

Die — wirkliche oder phantasmatische — Zurückweisung durch die Eltern hat in ihnen den Keim einer ständigen moralischen Anklage hinterlegt, die sie unaufhörlich aus dem Grund ihres Unbewussten verfolgt. Diese Wesen wissen nicht, wohin sie sich verbergen sollten, um ihre Scham zu verhüllen, da zu sein, anwesend, während sie sich schuldig glauben, geboren zu sein. „Bevor ich geboren war", scheinen sie zu sagen, „brauchte ich mich nicht zu verbergen: ich war verborgen!" (Ein Widerschein dieser Lage erscheint vielleicht im Text der Genesis: „Sie merkten, dass sie nackt waren, und schämten sich.")

Um sich zu fliehen, projizieren sich diese Patienten oft seelisch in andere Personen, mit denen sie sich zu identifizieren versuchen und so ein Phantasma der Rückkehr in den Mutterschoß verwirklichen — durch projektive Identifikation (M. Klein, Bion). Auch die Suizidalen können eine Rückkehr in den mütterlichen Schoß ersehnen, um nicht ins Leben einzutreten.

Ein Fall von Schizoidie

Ein sehr stark schizoider Patient wiederholte mir unaufhörlich: „Ich bin tot… Ich bin ein Toter. Meine Gefühle sind die eines Toten. Ich empfinde nichts." Die Analyse zeigte, dass er auf der Ebene der unbewussten Phantasmen alles, was ihn an seine Mutter erinnerte, in sich getötet hatte. Sein Audiogramm zeigte eine bedeutende Verschlossenheit gegenüber den Höhen, die man für eine traumatische Schwerhörigkeit hätte halten können. Die Behandlung hat ihm gestattet, zugleich das Hören der Höhen und die Wärme des Kontaktes und des affektiven Lebens wiederzugewinnen.

Mehrfach habe ich bei Männern im Lauf der Behandlung das Auftreten einer beträchtlichen Angst beobachtet, die daher rührte, dass „geboren werden" — und somit gesunden — für sie den jähen Verlust ihrer fötalen Allmacht bedeutete. Diese Patienten wurden alsdann von einer Übersteigerung ihres Zeugungstriebs ergriffen, und den geschlechtlichen Akt zu vollziehen wurde zu einer riesigen Obsession, ebenso mächtig wie die Todesangst, die sie aufwog. Der Koitus stellte alsdann für diese Männer ein Mittel dar, im Phantasma in ihre Mutter zurückzukehren und in diesem acting out die unerträgliche Wirklichkeit ihrer „Geburt" aufzuheben.

Anmerkung zu anderen abnormen Lagen:

  1. Die Flucht nach hinten: die Geburt wird nicht angenommen, einzig das uterine Erleben wird geduldet. Das ist der Autismus.

  2. Die Flucht nach vorn: das Geburtstrauma wird verleugnet. Das materielle Leben wird von diesen Wesen, deren inneres Leben nicht vorhanden ist, als das einzig wirkliche betrachtet.

  3. Manche Patienten haben die Bewegung von Regression und Progression bewahrt, sind aber bei jeder Bewegung von Angst überflutet. Ihre agoraphobische Angst entspricht der Furcht, geboren zu werden, und ihre klaustrophobische Angst im Gegenteil der Furcht, in den ursprünglichen Uterus zurückzukehren.

Die Heilung als neue Geburt

Wird die „Geburt", die eine Verlängerung und Bereicherung der ursprünglichen Beziehung des Kindes zum Universum darstellen sollte, als Trauma erlebt, so wird diese ursprüngliche Wahrnehmung verdunkelt, und die Angst tritt an die Stelle des inneren Friedens. Die Erinnerung an das intrauterine Erleben und an dessen lückenlose Vollkommenheit verschwindet; Furcht, Angst, Misstrauen werden fortan — und auf Lebenszeit — das ursprüngliche friedvolle Vertrauen ablösen können.

Um zu gesunden und damit sich die Wirkungen dieser unheilvollen „Zäsur" mildern, muss der Patient sich von seinem Arzt verstanden und geliebt wissen. Damit sie wirklich und tief sei, wird die Heilung sich begleiten lassen müssen von einer zweiten, besser gelungenen Auflage der „Geburt", als es die erste war. Die Tomatis-Methode kann uns dabei helfen, dies zu verwirklichen: sein Leben wieder neu beginnen, in tiefer Verbindung mit der vertrauensvollen und passiven Heiterkeit dessen, was die uterine Etappe war.

Die seelische Gesundheit besteht darin, in beiden Richtungen — regressiv und progressiv — das zentrale Ereignis unseres Lebens, das unsere „Geburt" ist, frei durchschreiten zu können. Daraus folgt eine feste Verankerung in der Wirklichkeit.

Die Patienten leben wieder auf

Wenn sie dank der Behandlung wieder Leben gewinnen, beobachten unsere Patienten bisweilen, dass sie zu träumen beginnen, was sie zuvor nicht taten. Es ist auch dieser Augenblick ihrer Behandlung, in dem sie ihre innere Welt entdecken und der Innenschau fähig werden.

Ich habe mehrere Patienten gehört, die vor der Behandlung außerordentlich viel schliefen, sich darüber zugleich beklagen und freuen, nicht mehr „zu leben, um zu schlafen", wie früher. „Man nimmt mir meinen Schlaf!", sagte eine von ihnen, erstaunt, sich nicht mehr in einer zeitlosen uterinen Regression gefallen zu wollen. Eine andere wurde von Angst ergriffen, als ihr nach einigen Sitzungen bewusst wurde, dass die Zeit verging — was das depressive Gefühl des Verlustes weckte, das sie nicht hatte verarbeiten können, das ihre frühe Kindheit gekennzeichnet hatte und das sie zugleich mit ihrer „Geburt" verleugnet hatte.

Das Hören der gefilterten mütterlichen Stimme und der sonischen Geburten weckt gewöhnlich beim Patienten ein unbewusstes Phantasma, dem zufolge seine Mutter ihn die Liebe wiederfinden lässt, die sie für ihn hat — jene Liebe, an der seine „Geburt" ihn hatte zweifeln und deren Erinnerung verlieren lassen: die wiedergefundene Liebe wieder aufnehmend, kann er sich endlich mit dem Leben aussöhnen.

Eine der erfreulichsten Wirkungen der Behandlung mit dem Elektronischen Ohr ist die Stärkung des Ich, die den Kranken den notwendigen Schwung verleiht, um „die Stange zu nehmen" und den Anlauf zu nehmen, der ihnen erlaubt, selbst die tiefsten Fixierungen ihrer Neurose zu überschreiten.

Zeugnis: Bericht einer Sitzung

Die übertragungsmäßige Wiederbelebung der Erfahrungen und Phantasmen der „Geburt" tritt oft auf sehr lebendige Weise auf. Der folgende Bericht, den ich in seiner Frische wiedergebe, zeugt davon auf bewegende Weise:

Sitzung vom 13. Juli 1973 — Kaum bin ich auf der Couch ausgestreckt, beginne ich zu weinen. Ich spüre meine Geburt, die sich nähert. Ich habe Angst; mache ich einen Schritt mehr, so ist es die Leere, die Angst. Ich finde mich allein. Ich habe Angst zu sterben. Nein, ich will nicht! Der Tod ängstigt mich zu sehr. Ich habe Lust, die Augen zu schließen, mich in Fötalstellung zu legen und in diesem Zimmer zu schlafen, in dem ich den Frieden wahrnehme. Der Arzt ist hinter mir; sein Schweigen lastet auf mir.

Man will mich auf die Welt bringen — danach an mir, mich zurechtzufinden, und mag es geschehen, was es will, wenn ich auf die Nase falle! Warum bin ich nicht ein Säugling, den der Arzt in die Arme nehmen könnte und dem er zeigen könnte, wie schön die Welt ist! Ich möchte, dass er mich beruhige, dass er mir Vertrauen einflöße.

Der Arzt wird gerufen und entfernt sich. Wenn er zurückkommt, sagt er mir: „Nun, wo stehen wir mit dieser Geburt?" Diese Frage löst in mir einen neuen Stoß aus. Es ist also wahr, dass ich gerade geboren werde. Ich weine. Ich habe so sehr Lust, mich aufzusetzen, den Arzt anzusehen, um mich zu überzeugen, dass ich nicht allein bin, doch ich wage es nicht — ich habe den Eindruck, dass es verboten ist, dass ich gerichtet werden würde. Der Arzt verbalisiert meinen Wunsch: ich setze mich auf; der Kontakt stellt sich fast augenblicklich her; ich fühle mich endlich in Sicherheit.

Doch ich wage es noch nicht, den Arzt anzusehen. Wie meine Mutter bringt er mir alles und gibt mir alles; ich, ich habe ihm nichts zu bringen. Ich bin hier nur nebensächlich; andere Kranke brauchen ihn! Dann, durch die Analyse, die er mir von der Lage macht, durch seine Worte, seine Stimme, seine Heiterkeit, fühle ich mich endlich in Zuversicht; ich fühle mich berechtigt, ihn anzusehen; ich habe den Eindruck, ein wenig zu beginnen zu leben, zu lieben. Ich beginne besser zu atmen: ich erblicke den tiefen Frieden, doch ich spüre, dass es noch sehr fragil ist.

Die mütterliche Stimme! Ich wünsche sie schrecklich, und zugleich weise ich sie zurück. Ich möchte so sehr die Stimme jener Mutter hören, die mich soeben in Freude auf die Welt gebracht hat und die mich zum Leben ruft — und nicht jene der Mutter, die mich mit dem Tod im Herzen auf die Welt gebracht hat!

Die Annahme der Geburt kann sich mit einer augenblicklichen Linderung der Angst und mit dem ebenso jähen Verschwinden gewisser Symptome begleiten. Indem er einwilligt, geboren zu werden, geht der Patient mit einem Schlag vom Regime des Hasses in das der Liebe über. Er nimmt seinen Körper an, seine Identität, seine Verantwortung und die Kommunikation zur Welt — was das Verschwinden des Neides und der Eifersucht zur Folge hat; die Verfolgung und die Angst weichen der Wiedergutmachung in einem großen Gefühl der Freude.

Die Heilung enthält die Versöhnung mit der Mutter — sowohl mit der unbewussten phantasmatischen wie mit der wirklichen Mutter, die alsdann zu derjenigen wird, die Leben gibt und sich an allen Wachstümern erfreut. Das in tiefer Freude angenommene Kind kann endlich die Ebene des inneren Schweigens, des Friedens und der Freude finden, die seine seelische Gesundheit besiegeln. Vollkommen gesunden, wird sogar heißen, noch weiter zu gehen und — die Beziehung zur Mutter überschreitend, Quelle des Lebens und der Liebe — auf die geistige Ebene des Bewusstseins der Liebe und des Lebens zu gelangen.

Die Psychotherapie läuft also auf eine Mäeutik hinaus. Die Entfaltung des Menschen durchläuft eine Spirale, in der jede Windung — wie diejenige einer von oben gesehenen Wendeltreppe — die vorhergehende widerspiegelt. Die geistige Wiedergeburt liegt im Höhepunkt der physischen Geburt: die heitere Schönheit des Antlitzes des betrachtenden Mystikers spiegelt jene des Neugeborenen, der in Sanftheit von liebenden Händen empfangen wird.

Schizoidie und Begleitung

Wird das Kind traumatisiert, so weint es, weint und weint und weist seine Mutter zurück. Diese scheitert daran, es zu trösten, und fühlt sich ebenfalls frustriert und enttäuscht, ja unfähig, ihre Aufgabe als Mutter zu erfüllen. Ist sie nicht sehr ausgeglichen, geduldig und liebevoll, so kann sie darauf verzichten, die Lage zu retten zu suchen; sie wird alsdann ihr Kind ihrerseits zurückweisen. So bildet sich ein circulus vitiosus, der die Grundlage aller späteren Schizophrenien ist.

Vor dieser Lage befinden wir uns zwanzig, dreißig, vierzig Jahre später. Sie hat sich im Tiefsten des Wesens des Kranken fest niedergelassen, und es wird notwendig sein, sie langsam, geduldig mit ihm zu durchleben, um ihn zur Gesundung zu führen.

Der Bruch des Kontakts mit der Mutter wird für diese Kinder unentbehrlich, um sie gegen die tödliche Angst vor dem Verlassensein zu schützen. So bilden sich die schizoiden Tendenzen, Grundlage einer eventuellen späteren Schizophrenie. Ein kapitaler Punkt der Heilung dieser schizoiden Tendenzen besteht darin, diesen Patienten zu erlauben, die panische, als Abstieg in den Tod und in ein grenzen- und namenloses Entsetzen erlebte Angst zu verarbeiten. Man begreift unschwer, dass eine uneingeschränkte Gegenwart, eine wahre Liebe und eine vollkommene Duldung der Angst seitens des Arztes unerlässlich sind, der es wagt, seinen Kranken in einem solchen Abstieg in die Höllen zu begleiten.

Das Elektronische Ohr bläst auf die Glut

Die Psychotherapie muss in diesen Fällen die Behandlung mit dem Elektronischen Ohr begleiten — wobei die therapeutische Kommunikation die Angst in dem Maße auffangen muss, in dem sie auftritt. Andernfalls könnte sich der Fall des Patienten unter dem Einfluss der Behandlung verschlimmern, da sich Affekte und Spannungen anhäufen.

Das Elektronische Ohr bläst auf die Glut. Ist der Lüftungskamin verstopft, so wird der Rauch den Saal füllen.

Bei Psychotikern muss man sich ihres Wunsches zu genesen, sich zu entwickeln, ihrer Annahme, geboren zu werden, der Symbiose zu entkommen, vergewissern, bevor man eine Behandlung mit dem Elektronischen Ohr unternimmt — andernfalls riskiert man eine Verschlimmerung der Symptomatik.

Der Therapeut muss zu wagen wissen, hinabzusteigen

Wir haben alle die Erfahrung des „Todes" durchschritten, der für unser Unbewusstes unsere Geburt war. Wir wissen nichts vom wirklichen Tod, da wir ihn definitionsgemäß nicht erlebt haben können. Diese Erfahrung der Todesangst, die die Geburt war — dieser fortschreitende Abstieg in den Tod, bis sich der Atemreflex auslöst —, bewirkt, dass wir alle, im Tiefsten unserer selbst, mindestens eine Mikroerfahrung der psychotischen Angst gekannt haben.

Können wir, ohne einen Abwehrmechanismus zu gebrauchen, regressiv bis zu dieser Angst hinabsteigen, die in uns ist, so werden wir fähig sein, in Einfühlung mit den psychotischen Ängsten unserer Kranken, die davon befallen sind, zu schwingen.

Wir können einen Einzelnen nicht leiten, ihm helfen, zu gesunden, wenn wir selbst es ablehnen, dorthin hinabzusteigen, wo er zuerst hinabsteigen muss, um gesunden zu können.

Haben wir Angst vor seiner Angst, so werden wir ihm nicht helfen können; er wird sich allein finden in dem Augenblick, in dem er unentbehrlich der Stütze, der Hilfe, des liebevollen, mitfühlenden Verstehens bedürfen wird. Er muss bei uns die Liebe und das Verstehen finden, die er einst bei seiner Mutter in einem mit ihr lebensvollen, zugleich physischen und psychischen Kontakt suchte und die er nicht angetroffen hat.

Die Freude, die seine Mutter daran hätte empfinden sollen, ihr Kind zu verstehen und es zu beruhigen, wenn alles normal zwischen ihr und ihm von der Geburt an verlaufen wäre — der Therapeut wird sie ebenfalls empfinden, und sie wird seine Belohnung sein, sofern er den Mut und die Befähigung hat, die ganze Angst des Patienten zu bestehen und sie mit Liebe zu verstehen.

Um ihm zu helfen, muss man mit dem Kranken in seiner Angst in die Hölle hinabsteigen können, ihn begleiten, ihn verstehen, dank der Einfühlung. Das ist ein Akt der Liebe.

Nicht fürchten, ein wenig zu leiden, seine Angst zu teilen, zu wagen, mit ihm hinabzusteigen, um ihn sodann im Wiederaufstieg zu begleiten. Dass er sich in keinem Augenblick allein fühle, oder unverstanden, oder — schlimmer noch — gerichtet, verurteilt, zurückgewiesen.

Der seelisch Kranke wird oft von der heutigen Gesellschaft wie ein Ausgestoßener behandelt, weil seine Angst in uns ein sehr tiefes Unbehagen weckt, das wir als unerträglich empfinden können. Wir nehmen alsdann unsere Zuflucht zur Einsperrung des Patienten, um uns gegen seine Angst zu schützen.

Es wagen, geboren zu werden, heißt eine Beziehung herstellen, heißt es wagen, seinen Zorn in die Mutter zu projizieren und dabei einzuwilligen, unabhängig von ihr zu existieren — das heißt: ohne sich selbst in die Mutter zu projizieren.

Man baut nur in der Annahme eines Geburtsphantasmas.

— Dr Jean Sarkissoff, Centre du Langage, Genf. Vortrag auf dem IV. Internationalen Kongress für Audio-Psycho-Phonologie, Madrid, Mai 1974.