Seelisches und sinnliches Leben des Fötus
Einleitung
Die verschiedenen Forschungen, die im Lauf der letzten zehn Jahre hinsichtlich des fötalen Lebens durchgeführt worden sind, gestatten es, jene Theorien zu stärken, die das Vorhandensein eines sehr intensiven seelischen und sinnlichen Lebens beim Fötus aufzuweisen versuchen. Im Lauf der neun Monate seines intrauterinen Lebens nämlich speichert das Kind den größten Teil seiner menschlichen Erfahrungen ein — jene, welche in der Folge das Gewebe seines existentiellen, postnatalen Werdegangs weben werden.
Wäre es vor einigen Jahren schwer aufgenommen worden, einen solchen Gegenstand heraufzubeschwören, so ist es heute nicht mehr ebenso. Es ist wahr, dass von allen Seiten — aus Spezialisten verschiedenster Disziplinen hervorgehend — die Beweise sich häufen, die das stützen, was wir bereits 1954 vorbrachten: nämlich, dass der Fötus während der Schwangerschaft seiner Mutter durch die Einrichtung einer Beziehungsdynamik mit ihr aktiven Anteil nimmt.
Es ist daher in unseren Tagen ein Gemeinplatz zu sagen, dass der Fötus fühlt, wahrnimmt, im Gedächtnis behält, integriert. Es ist ebenso leicht eingestanden, dass er vom viereinhalbten Monat seines pränatalen Lebens an hört. Wir sind in einem Buch mit dem Titel La Nuit utérine (Éditions Stock, Paris 1981) dahin geführt worden zu präzisieren, dass er sehr viel früher als in diesem Augenblick wahrnimmt und dass er zahlreiche Erinnerungen ansammelt, die ihm seine sinnlichen Erfahrungen verschaffen. Von da an richtet sich ein Ansatz seelischen Lebens auf diesen Anfängen der Mitteilung mit der umgebenden uterinen Welt ein. Das heißt, dass ein ganzes psychologisches Universum sich einrichtet, dessen Bedeutung uns bisher entgangen ist und dessen Resonanzen denken lassen, dass sich ein ungeahntes Feld der Forschungen hinsichtlich einer noch zu sehr vernachlässigten ersten Psychologie öffnet.
Die Forschungen, die wir seit etwa dreißig Jahren betreiben, lassen eine Konvergenz klinischer Sachverhalte in Erscheinung treten, die das Bestehen einer pränatalen Psychologie unleugbar machen. Anatomische, embryologische, physiologische Beweise gewährleisten im übrigen die Wohlbegründetheit einer embryo-fötalen Psychogenese.
Die anatomischen Beweise
Sie sind unbestreitbar diejenigen, die bei den verschiedenen Spezialisten am meisten Gewicht haben. Bevor wir sie nennen, werden wir nachstehend einige elementare Daten betreffend die Anatomie des menschlichen Ohres in Erinnerung rufen.
Um der Ordnung der genetischen Entfaltung zu folgen, werden wir sagen, dass es drei Etagen gibt, vom Innen zum Außen: das Innenohr, das Mittelohr und schließlich das Außenohr:
Das Innenohr enthält das Sinnesorgan oder das häutige Labyrinth. Dieses, im knöchernen Labyrinth eingeschlossen, ist in zwei Teile gespalten:
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das vestibuläre Labyrinth oder Vestibulum und das cochleare Labyrinth oder Cochlea,
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das Mittelohr oder die Paukenhöhle umfasst die Gehörknöchelchen: Steigbügel, Amboss und Hammer,
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Das Außenohr besteht aus dem äußeren Gehörgang und der Ohrmuschel.
Sofern man sich nur mit Geduld erkundigt, ist es leicht, eine Autorität für jede Forschung zu finden. So veröffentlicht beispielsweise R. H. Bast 1930 ein Werk über die Verknöcherung der Ohrkapsel beim menschlichen Fötus, in das sich eine ganze Reihe peinlich genauer Untersuchungen einreiht, die dieser Verfasser gesammelt hat und die bis 1670 zurückreichen! Man findet darin eine reiche Argumentation über die Vorgängigkeit des menschlichen Ohres im Verhältnis zum gesamten Körper. 1962 setzt B. J. Anson seine Forschungen in derselben Richtung fort, was ihn dazu führt, 1974 in Zusammenarbeit mit T. R. Winch eine Untersuchung zu veröffentlichen, die seine ersten Forschungen über die spezifischen, von den üblichen Verknöcherungsprozessen unterschiedenen Verknöcherungsprozesse der Gehörknöchelchen-Kette bestätigt. Diese Besonderheit war im übrigen 1959 von Shambaugh Junior in einem der Chirurgie des Ohres gewidmeten Werk bemerkt worden (W. B. Saunders Company, London).
Diese anatomischen Beweise bestätigend, bemühen sich die im Januar und März 1964 veröffentlichten radiologischen Untersuchungen von G. B. und K. A. Elliott, die strukturelle Organisation des Innenohres aufzuweisen, das schon ab dem fünften Monat des intrauterinen Lebens seine Endphase erreicht. Sie erinnern unter anderem daran, dass 1958 R. A. Willis das Innenohr als eines der Elemente vorgestellt hat, das die raschesten und erstaunlichsten Umgestaltungen erfährt, die der Embryo erlebt.
Im übrigen haben T. Madonia, F. Madonia und G. Cali bereits 1963 den Begriff einer frühen Tätigkeit der Ampullen der labyrinthischen halbkreisförmigen Kanäle eingeführt und so den Akzent auf die frühe Rolle des Vestibulums des Innenohres gesetzt, d. h. auf die Mechanismen kinetischer und statischer Regelungen. In der Tat hängt alles, was Bewegung ist — bis hin zur Unbeweglichkeit —, von den Vestibula und ihren Anhängseln, den halbkreisförmigen Kanälen, ab.
Alle Spezialisten, die zur Untersuchung der Entwicklungsprozesse des Ohres geführt wurden, sind von der Frühreife dieses Organs getroffen worden. G. B. und K. A. Elliott haben auf diesem Punkt beharrt und präzisiert, dass die Rezeptoren des vollendeten cochlearen Organs sodann eine mathematisch vorhersehbare Größe hatten, die sich auf die Frequenzen gründete, die später vom Subjekt wiedergegeben werden mussten, um die Intensitäten seiner eigenen Stimme zu modulieren.
Fügen wir zu diesen für sich selbst so überzeugenden Elementen hinzu, dass F. Faulkner 1966 durch eine Veröffentlichung über die menschliche Entwicklung die Frühreife der Myelinisierung des Ohres enthüllt hat. Er hat damit die Gewissheit erbracht, dass der Hörnerv, mit einer Myelin-Schicht bedeckt, durchaus funktionsfähig war. Im sechsten Monat des intrauterinen Lebens beginnt die Myelinisierung der Hörnerven. Sie setzt sich sodann mit schwindelerregender Geschwindigkeit fort, so dass bei der Geburt der entsprechende Schläfenbereich, das heißt die Zone der Projektion der Cochlea auf das Gehirn, selbst myelinisiert und somit funktionsfähig ist. Dieser Sachverhalt ist von P. Yakolev und A. R. Lecourt einerseits und von R. Marty andererseits bestätigt worden.
Die physiologischen Beweise
Im Lauf dieser letzten Jahre hat sich ein ganz besonderes Interesse für alles gezeigt, was das fötale Hören betrifft. Ein wachsender Reiz nimmt in der Tat die Aufmerksamkeit zahlreicher Forscher in Anspruch. Verschiedene Hypothesen versuchen, die Mechanismen der entwicklungsmäßigen Organisation des Hörens zu erklären. Es ist wahr, dass uns in dieser Richtung wenige Informationen aus der Sammlung der älteren Veröffentlichungen erreichen. Unter diesen kann man einen Artikel von A. Peiper anzeigen, der 1924 auf eine fötale Reaktion auf intensive Geräusche in der vierzigsten Woche hinwies; ein anderer Artikel von H. J. und H. B. Forbes besagte 1927, „der Fötus antwortete auf den Klang mit motorischen Reaktionen". Später, 1935, gaben L. W. Sontag und R. F. Wallace genauere Auskünfte über die Weise der Reaktionen auf klangliche Reize. 1947 berichtete L. W. Sontag in einem Artikel, der in Zusammenarbeit mit J. Bernard verfasst war, von Hinweisen auf die Möglichkeit der Antwort auf die verschiedenen Tonhöhen.
In Wahrheit befindet man sich erst 1962 vor einer objektiven Untersuchung, die von K. D. Murphey, Audiologen, und C. M. Smyth, Geburtshelfer, durchgeführt wurde. Diese beiden Forscher berichten von messbaren, auf die Herzrhythmen sich erstreckenden Veränderungen in Funktion der ausgesendeten Anregung (500 Hz und 4 000 Hz). In ihrem Gefolge haben sich andere Spezialisten auf denselben Weg begeben und sind zur Untersuchung einer Messung des fötalen Hörens gelangt. Es ist sodann denkbar, eine Audiometrie auszuüben zu beanspruchen. Dies haben jedenfalls 1964 B. Dnornilka, A. Jasienska, W. Smolarz und R. Wawryk und 1967 B. Johoanson, E. Wedensky und B. Westin vorgeschlagen. Sie wollten so beweisen, dass das beste Mittel, die Wirkungen der auditiven Anregungen zu objektivieren, darin bestünde, den Herzrhythmus des Fötus zu messen.
Im übrigen haben F. B. Horn und seine Mitarbeiter 1967 evozierte Antworten auf der Höhe des Gehirns aufgezeichnet. Dieser Sachverhalt wurde von N. Sabake, T. Arayama und T. Suzuki zur gleichen Zeit aufgegriffen und hat zu Veröffentlichungen über die evozierten Potentiale geführt, welche die vom menschlichen Fötus wahrgenommenen akustischen Anregungen betreffen.
Die embryo-fötalen Beweise
Sie sind bedeutend in dem Maße, in dem man sich über die Prozesse phylogenetischer Ordnung beugt. In der Tat nimmt die Embryologie eine neue Beleuchtung an, sobald man sich darum kümmert zu betrachten, wie die Evolution im Lauf der Zeit verfährt. Man weiß tatsächlich, wie sehr die embryologische Entwicklung dahin neigt, sich auf jene der Phylogenese hin abzubilden.
Im Augenblick, in dem sich eine zelluläre Organisation ausarbeitet, erscheint ein Ansatz von Ohr. Dank dieser ersten Struktur kann der sich aufbauende Organismus sich im Raum lokalisieren, sich verlagern und vor allem die zur Animation seines Nervensystems, das sich parallel zu bilden beginnt, nötigen Anregungen sammeln.
Es gibt zwei grundlegende Elemente festzuhalten:
Die Vorgängigkeit des Ohres im Verhältnis zur neurologischen Struktur.
Die dynamogenetische, energetische Funktion des labyrinthischen Organs.
Ein weiteres, nicht unbedeutendes Element ist hervorzuheben. Es handelt sich um die Gegenwart der spezifischen basalen Zelle des gesamten Systems der Detektion und der Aufzeichnung, das das Ohr bildet. Diese erzeugende Zelle wird Cortische Zelle genannt. Man findet sie nämlich im Cortischen Organ oder Hörapparat im eigentlichen Sinne wieder. Die Cortische Zelle ist das aktive sinnliche Element. Seit dem Anbeginn der Zeiten ist sie sich selbst gleich. Man findet sie bei den Quallen, den niederen Fischen, den höheren Fischen, den Amphibien, den Reptilien, den Vögeln und den Säugetieren.
Sie ist die Zelle, die die Gesamtheit der sinnlichen Felder des labyrinthischen Apparates auskleidet, sowohl in seinem vestibulären als auch in seinem cochlearen Teil. Besser noch: alles lässt verstehen, dass diese Cortische Zelle eine ganz andere Bestimmung kennengelernt hat als diejenige, die wir soeben beschrieben haben. Anfänglich im Wasser erzeugt, lebt sie im Lauf der Zeiten, von Generation zu Generation, von Art zu Art, in einer notwendig wässrigen Umgebung. Sei es, dass sie offen und unmittelbar im Wasser badet, sei es, dass sie sich in einer Höhle einschließt, indem sie weiterhin in ein flüssiges Universum getaucht bleibt. In der Tat ist das knöcherne Labyrinth geschlossen; es enthält so die sogenannte perilymphatische Flüssigkeit, in der das häutige Labyrinth in Schwebe gehalten wird. Dieses ist seinerseits mit einer endolymphatischen Flüssigkeit gefüllt, die sich von der vorhergehenden durch einige physikalisch-chemische Merkmale unterscheidet.
Zu diesem wohlbekannten Strang bietet sich der Cortischen Zelle im übrigen eine andere evolutive Ausrichtung. Diese richtet sich auf eine komplexe nicht-flüssige Organisation hin in Funktion der mehr oder minder tiefen Umgestaltungen, die das Ensemble der verschiedenen muskulär-tendinös-artikulären und kutanen, ja selbst viszeralen sinnlichen Organe erfährt. Das Haarsystem scheint seinerseits demselben Ursprung anzugehören. So gelangt der Mensch, dessen Bestimmung es ist, ein Zuhörender zu werden, nicht nur mit seinem Ohr, sondern auch mit seiner Haut, mit seinem gesamten Körper dahin. Man kann von ihm sagen, dass er sich sodann als eine wahre Antenne aufrichtet, als ein Ohr in seiner Gesamtheit, im Zuhören auf die äußere Welt. Man erahnt so die Bedeutung dieser Konzeption, die das Hörorgan mit den kutanen sinnlichen Apparaten und mit einem Teil der Sinnesorgane verbindet.
Eine sinnliche und sinnesbezogene Dynamik wird sich also einrichten, die auf die verschiedenen motorischen Tätigkeiten antwortet, von der Statik bis zur Kinetik, global oder teilweise, das heißt auf der Höhe der motorischen Tätigkeiten der Gesamtheit des Körpers oder eines Teils desselben. Daraus ergibt sich eine Kristallisation des sinnlich-kinetischen Bildes des Körpers. Der Begriff dieses aktiven und lebendigen Körpers in einer umgebenden Welt erscheint sodann und bestimmt das erste Bild seiner selbst, das ausgehend von der ersten Stütze eingerichtet wird.
Man begreift nun besser die Rolle, welche die Zelle vom Cortischen Typ und ihre Ableitungen halten. Man findet sie nämlich im Utrikulus, im Sakkulus und in den Ampullen der halbkreisförmigen Kanäle wieder. Sie ist es, die das sinnliche Organ der Cochlea bildet und die überdies die gesamte oberflächliche und tiefe, muskuläre, artikuläre und knöcherne Hautempfindlichkeit bestimmt. In der Tat werden dank ihrer die sinnlichen Spiele koordiniert, die den Körper über die peripheren Nervenbahnen lenken. Der Körper ist wirklich aktiv und in seiner Gesamtheit aktiviert dank einer Kontrolle der Regelungen auf mehreren Etagen, welche den verschiedenen Ebenen der Evolution des an das Ohr angegliederten Nervensystems entsprechen. Dieses letztere geht, wie es ein embryologischer Induktor täte, der Evolution des zentralen Nervensystems selbst voraus, ganz so als antwortete das Gehirn auf den hochrangigen Ruf, der den menschlichen Menschen unausweichlich zum Zuhören führt. Dies ist ein interessanter, festzuhaltender Sachverhalt.
In der Tat enthüllt die embryologische Entwicklung des Ohres, dass es sich sehr rasch organisiert. Schon von den ersten Tagen des embryonalen Lebens an, im kephalischen Teil, an einem Ort zellulärer Hyperaktivität, der auditive Plakode genannt wird, richtet sich die Organisation des Innenohres ein. Das Vestibulum beginnt zuerst, doch schon richten sich die Cortischen Zellen ein, um in der Cochlea ab dem viereinhalbten Monat des intrauterinen Lebens funktionsfähig zu sein. Sie beginnen ausschließlich in der cochlearen Basis tätig zu sein, das heißt eben dort, wo die Höhen wahrgenommen werden (T. Wada, 1923). Erst sehr viel später, weit nach der Geburt, werden die Tiefen integriert werden (O. Larsell, E. Mc Crady und J. F. Larsell, 1944). Für H. Gavini werden die Tiefen wirklich erst zwischen 8 und 15 Jahren wahrgenommen (1962). Dieser Sachverhalt ist wesentlich, festzuhalten. Es scheint uns nämlich sehr bedeutsam, in dieser Entwicklung die frühe Entwicklung der Basis der Cochlea anzuzeigen, um darin die Zone der Höhen anzusiedeln.
All dies erklärt, dass das Innenohr während des intrauterinen Lebens und noch lange während des postnatalen Lebens die Rolle eines Filters spielt, indem es die Höhen auswählt und begünstigt. Ohne Zweifel weiß sich der Embryo-Fötus dank dieser Anordnung vor der Aggression der vielfältigen Geräusche zu schützen, die der Uterus sammelt. Außerdem gelangt er dazu, spezifischer die Stimme seiner Mutter wahrzunehmen, nach einem ganz kennzeichnenden Modus, den wir bestimmt und reproduziert haben. Wir haben ihn „Die gefilterte Stimme der Mutter" (VMF) genannt. Das embryo-fötale Hören unterscheidet sich also vom Hören des Erwachsenen durch eben den Sachverhalt, dass die Wahrnehmung selektiv in den Umgebungen von 5000 Hz und darüber hinaus ist.
Embryo-fötale Psychogenese
Auf diesem anatomisch-physiologischen Hintergrund, besonders lebendig, wesentlich aktiv, wohnt man der Einrichtung einer Psycho-genese bei, aus der die spätere seelische Aktivität ihre eigenen Ursprünge ziehen wird. Auf dieser Ebene pflanzt die genetische Psychologie ihre Wurzeln ein. Nichts Befremdliches daran. Es ist offenkundig, dass sich beim Embryo-Fötus eine intensive psychologische Dynamik organisiert, sowohl affektiv als auch beziehungsbezogen.
Sucht man im übrigen mit Sorgfalt, woher die Verhaltensgewohnheiten des Menschen kommen, so ist man ganz überrascht zu entdecken, wie sehr die archaischsten Strukturen, jene, die man bis in die tiefsten Tiefen der Seele verwurzelt weiß, den Erwerbungen vom Ursprung selbst dieses Erlebens in der „ursprünglichen Höhle" entsprechen. Von dieser ursprünglichen Wohnung, von dieser Hülle, die jeden Menschen umfangen hat, lassen viele archetypische Reminiszenzen zahlreiche Symbole durchscheinen, die an diesem Ort ihre ursprüngliche Quelle finden.
Bereits richtet sich eine wesentliche Beziehungsdimension mit der äußeren Welt ein — dem Uterus im gegebenen Falle — und mit allem, was er auf der nutritiven Ebene, unter dem Blickwinkel der klanglichen und taktilen Mitteilung, unter dem Aspekt der Organisation der räumlichen Erforschung darstellt.
Von da an wird jede spätere Progression eine komplexer gewordene Wiederholung dieser grundlegenden Strukturen sein. Man wohnt einem wahren „Aus-einander-Schieben" verschiedener Stufen bei, die ineinander verzahnt scheinen — und sie sind es in ihrer Programmierung. So geht der Embryo aus dem Ei hervor, geht der Fötus aus dem Embryo hervor, und dieser erzeugt das Neugeborene. Ebenso verhält es sich, von der ursprünglichen Zelle bis zum Menschen am Herannahen seiner Endphase. Jede erste Integration ist das Gewebe, auf dem die gesamte spätere psychologische Aktivität ruht, sich reproduziert und sodann komplexer wird.
Die projektive Symbolik gestattet es, die Spur dieses ursprünglichen Erlebens wiederzufinden. Die Forschungen zum Lebensraum, gewisse Tests wie jener des Baumes, des Männchens, des Hauses usw. lassen Bildlichkeiten in Erscheinung treten, die im archaischsten Aspekt der ersten Eingravierungen integriert wurden, die beim Aufenthalt in der uterinen Höhle gesammelt wurden.
Überdies sind die Herz- und Atemrhythmen der Mutter, jene des Fötus selbst, die Geräusche der Nachbarschaft, die aus dem Körper der Mutter hervorgehen, ebenso viele klangliche Empfindungen, die eingespeichert und gefiltert werden — wir erinnern daran — und somit nur in der Weise des Rhythmus wahrgenommen werden. Die Rückwirkungen dieses klanglichen Erlebens können auf der psychologischen, ja selbst psychiatrischen Ebene im Lauf des postnatalen Lebens Folgen haben (Salk). Die Geräusche und Klänge außerhalb der Bauchwand haben gleichermaßen ihre Wirkungen (Peipper, Forbes, Sontag, Feijo). Doch es ist mit Sicherheit die Aufnahme der Stimme der Mutter, die das Hauptphänomen der gesamten späteren affektiven und emotionalen Organisation bleibt. Es wurde der erhebliche Einfluss aufgewiesen, den die gefilterte mütterliche Stimme in der Entwicklung des Mitteilungsverlangens darstellt (Alfred Tomatis).
Es ist offenkundig, dass diese Beziehungsdynamik eines Substrats bedarf, um sich einzurichten. Dieses ist nichts anderes als die Beziehung mit der Mutter. Man könnte niemals genug auf dieser ursprünglichen, affektiven, tiefen Mitteilung beharren, die zwei Wesen in Resonanz versetzt: das der Mutter und das des zu gebärenden Kindes. Niemals wird die Beziehungsverbindung so intensiv sein wie in jenen neun Monaten, in denen die Mutter und der Embryo-Fötus eine wahre Symbiose kennen, die es ihnen erlaubt, das zu werden, was sie in der Möglichkeit sind: die Mutter und das Kind. Durch seine Gegenwart und schon von den ersten Augenblicken seiner uterinen Einnistung an verwandelt der Embryo-Fötus die Frau, die ihn trägt. Sie ist eine ganz andere. Und ihre Seele schwingt in einem spezifischen Duo der Liebe, sehr verschieden von allen üblichen emotionalen Ergüssen. Sie schwingt von da an in der Hervorbringung des Lebens, das sie übermittelt. Ein Kind zu zeugen erweckt in der Frau ihre Dimension einer potentiellen Erzeugerin, die sie zur Partnerin eines Paares macht, das nichts zu ersetzen vermag.
Man weiß, wie der Mensch in seiner zerstörerischen Genialität diese wesentliche Verbindung, der er es verdankt, das Leben zu treffen, zu verdecken, zu erniedrigen, zu zerstören, zu vernichten wusste. Eingeschlossen in eine existentielle Dialektik, die ihn in den Mäandern einer von seinen Vorgängern entschiedenen Evolution verliert, ist der Mensch zuweilen seines Wesens vergessen, jenes Wesens, von dem ausgehend sich der wahre Dialog einrichtet und aus dem jene außergewöhnliche Beziehung zwischen zwei Wesen hervorgeht, die ineinander verschmelzen. Es besteht keine Situation, die der der Schwangerschaft gleicht, um diese doppelte liebende Verbindung — im edelsten Sinn des Wortes — einzurichten, jene der frei eingewilligten Abhängigkeit, die durch ein wechselseitiges aufmerksames Zuhören herbeigeführt wird.
Es gibt keine Psychogenese ohne die völlige Einbindung der Mutter. Selbst im zerstörerischen Wahn des Menschen, selbst in der Frau, die sich ihrer Schwangerschaft am meisten widersetzt, sie am stärksten zurückweist, bleibt in ihrem tiefsten Inneren eine mütterliche Schwingung. Doch während sie das Leben gibt, introjiziert sie den Tod, nicht ohne sich selbst in ihrer wesentlichen Wirklichkeit zu zerstören.
Man erahnt darin die gesamte spätere psychologische Struktur und ihre Abweichungen, welche das seelische Universum des Kindes verschließen werden, auf das sich jenes des Erwachsenen aufpfropfen wird.
Schluss
Man kann sagen, dass das Zuhören den Embryo-Fötus in sein Werden als Mensch hineinleitet. Man weiß heute, dass dieses Vermögen das Ohr in Anspruch nimmt, aber auch die gesamte Hautempfindlichkeit, die gesamte tiefe, ja selbst viszerale Empfindlichkeit. Sich seinen ganzen Körper auf den anderen hin spannen — das ist Zuhören; doch ist es auch, zu wissen, dass man durch eben diese Beziehung ist. Man kann nicht zuhören, ohne sich einzubinden, und das Zuhören beginnt mit dem Zuhören auf sich selbst in der Organisation der Beziehung mit dem anderen.
Der existentielle Umlauf beginnt ausgehend von dieser ersten Beziehung. Er wird um so wahrer, um so authentischer sein, je mehr er jeder affektiven und emotionalen Verzerrung entbehrt. Von da an wird sich dieser existentielle Umlauf dem annähern, was die Evolution des Seins selbst sein sollte. Wir wissen, dass es ganz anders ist, und gleichwohl sind wir überzeugt, dass eine vertiefte Untersuchung der Beziehungsdynamik während des intrauterinen Lebens reich an Lehren wäre, um die menschliche Lebensführung auszurichten. Es ist außer Zweifel, dass die Erziehung daraus ihre grundlegenden Bestände schöpfen würde. Darin bleibt der Embryo-Fötus unser Meister.
Alfred A. Tomatis*, Mailand 1984, *Übersetzung von «vita psichica e sensoriale del feto», erschienen in «L’Enciclopedia della Scienza e della Tecnica»