Alles in dieser Welt hört zu, außer dem Menschen. Dies ist kein Bonmot, sondern die Frucht einer reifen Betrachtung, gestützt auf eine lange Beobachtung im Lauf eines Berufslebens, das ganz auf diese Frage gerichtet war.

Lehrt uns dies im übrigen nicht das Buch der Bücher schon von den ersten Seiten der Genesis an? Ist nicht die Schöpfung von ihrem ersten Augenblick an dem Gehorsam geweiht, indem sie die Herrlichkeit des Schöpfers singt? Allein der Mensch sondert sich aus durch seine ablehnende Haltung gegenüber der harmonischen Entfaltung jenes ursprünglichen Anstoßes.

Paradoxerweise muss man des Rechtes zur Verweigerung teilhaftig sein, um den Weg der Zustimmung zu entdecken. Diese ist hier nicht das Gegenteil der Anfechtung, ebenso wenig wie die Zurückweisung deren Gegensatz wäre. Ist nicht die Verweigerung in Wahrheit der Bruch eines Augenblicks, der den im Tiefsten der menschlichen Natur verankerten Vorgang der Zustimmung zerschlägt? Aus dieser Auflösung stumpft sich im Menschen das ontologische Einverständnis mit der Zugehörigkeit zur Welt allmählich ab. Man könnte sogar an seine vollständige Auslöschung denken, wenn nicht im Lauf der Zeit Blitze des Bewusstseins seine Gegenwart neu entzündeten. Die gesamte Menschheit scheint an diesen plötzlichen Aufleuchtungen aufgehängt zu sein.

Die Schöpfung kann nicht anders als an den Gesetzen hangen, die sie lenken. Sie ist ein Ganzes, ausgestattet mit einer Dynamik, die es in einen kreisenden Tanz vorantreibt, in dem jede Kurve ihren eigenen Mittelpunkt besitzt, der wiederum auf eine ihm vorbehaltene Bahn verpflichtet ist. Diese „blinde" Unterwerfung ist das Zuhören. Gewiss wird das Wort „blind", hier auf so ungewohnte Weise eingeführt, nur deshalb angeboten, um diesem Gehorsam eine derartige Eindringlichkeit zu verleihen, dass darin kein Raum bleibt für Doppeldeutigkeit, nicht einmal für den Zweifel, noch weniger für die Verweigerung; selbst die Vernunft findet darin keine Möglichkeit, sich einzuschalten. Doch in voller Helle zu stehen, ohne den Schatten auch nur ahnen zu können, geschweige denn die Finsternis, lässt einen nicht mehr wissen, dass man in dieses Bad erlesener Klarheit getaucht ist. Anders gesagt: die Erkenntnis eines stets gleichbleibenden Zustandes, so transzendent er auch sein mag, entgeht am Ende dem Bewusstsein. Von nun an nehmen die Begriffe Zuhören und Gehorchen, durch ihre semiologische Erinnerung so eng miteinander verbunden, ihren absoluten Wert an und schließen all das aus, was ihre semantische Wirklichkeit nicht wirksam stützt. Von nun an heißt: auf das hingehen, was man hört (ob-aud-ire — „auf das hingehen, was man hört" — oder durch Kontraktion obéir, gehorchen) — sich engagieren, ohne abzuweichen, ohne auszubiegen, ohne irgendeinen Zwang zu empfinden, auf jenen Wegen, die zu jenem Stand der Gnade hinkonvergieren, der uns offenbart, dass dies der einzige Weg ist. Die Hingabe, die sich daraus ergibt und die uns gestattet, dem Antrieb eines unsagbaren, doch unwiderstehlichen Vertrauens folgend uns leiten zu lassen, ist nichts anderes als der Glaube selbst.

So wirkt die Schöpfung; und während die siderische Welt den Gesetzen gehorcht — oder ihnen zuhört, wenn man so will —, die sie auf ihrem Weg in die Ewigkeit führen, und so an der kosmischen Atmung teilhat, erwacht und entfaltet sich die pflanzliche Welt auf den Ruf dieser Kommunikation im Rhythmus der Jahreszeiten. Das Tierreich wiederum, fest auf die Bahn seiner Instinkte gestellt, verfolgt im Lauf der Zeit seine wunderbaren Umgestaltungen, um auf die fortwährende Entfaltung eines vorgegebenen Programms zu antworten.

Nichts ist das Ergebnis eines Zufalls, sondern wohl die Folge eines einzigen und einzigartigen Willens, jenes Willens eben, der dem, der zu hören weiß, eingibt, was im Augenblick zu tun ist, einem Augenblick, der sich unablässig in einen Vorgang des Werdens einschreibt. Von nun an, getrieben von dieser besonderen Neigung, kann der Mensch an der Schöpfung selbst teilnehmen.

Er muss verschwinden, um zu sein. Er muss aufgeben, was er zu vertreten glaubt, was zu erreichen er vorgibt. Er kann nur geführt werden. Aber er muss sich auch von dem Verlangen durchdringen lassen, auf seiner eigenen Bahn zu segeln. Von da an wird er die Gesetze des Universums vernehmen, wie sie ihm sein Verhalten vorschreiben. Es wird ihm fortan genügen, ihnen zuzuhören, um zu entdecken, dass er auf diesem Weg zur Freiheit gelangt; es gibt keine andere Freiheit als die von der Hingabe geschenkte. Von diesem Augenblick an reduzieren sich alle Verweigerungen, die eine Unabhängigkeit zu stützen vorgeben, auf das, was sie sind. Sie sind nichts als Konstruktionen aus Zwängen, die dem Menschen auferlegt werden, damit er im Labyrinth eines ausweglosen Daseins zu überleben suche; die Schöpfung selbst weckt in Wahrheit keine Abhängigkeit, sofern man sich in ihre Gesetze ohne Vorbehalt einsenkt — bildet sie nicht im übrigen ein Ganzes mit den Gesetzen, die sie regieren, und stehen wir hier nicht den Gegebenheiten selbst der allerneuesten Astrophysik gegenüber? Der Kosmos ist nichts anderes als die kohärente Schwebe eines energetischen Plasmas, in dem alles zusammenhängt, in dem alles ineinandergreift, in dem alles, mit einem Wort, zuhört.

Der Mensch, bewusste Antenne

Vollkommener Widerschein des vom Wort gewollten Bauwerks, antwortet der Kosmos auf dessen Anspruch mit einer Treue, der nur die Harmonie gleichkommt, welche ihn lenkt.

Doch was wird aus dem Menschen, aus diesem Nicht-Zuhörenden? Nichts weniger als ein Wesen, das mit sich selbst ringt, während es zu glauben meint, die Welt errichtet zu haben. Seine rein materialistische Sicht führt ihn unwiderruflich in sein Verderben, in einem Universum, das er zu kennen, ja zu begreifen meint und das er, kraft derselben Verirrung, zu lenken beansprucht.

Kleines Samenkorn auf der dünnen Schicht des Erdballs, schmückt sich der Mensch mit seiner Intelligenz, verschanzt sich hinter einem wissenschaftlichen Zugang zur Welt, zur Existenz, zum Leben, ja sogar zur Seele… Man weiß, in welche Sackgasse ihn ein solcher unbeugsamer Intellektualismus einschließt.

Ideen hat er keine, ebenso wenig wie geniale Funken; alles wird ihm gegeben. Doch sein Zuhören wird gestört von seiner eigenen Anmaßung, zu sein; und wenn er bisweilen seine Schwäche spürt und vermutet, er sei nichts, so fängt er sich sogleich wieder, will und meint, die handelnde Einheit zu sein.

Ohne Zweifel hat er vergessen, weshalb es ihm gegeben wurde, aus dem Lehm hervorzugehen:

Um eine zuhörende Antenne zu sein; denn sofern er sich nur seines Hervortretens aus dem Humus erinnert, wird er in seiner Demut ganz und gar ein Ohr, das gemeinsam mit der ganzen Schöpfung auf die Worte des Schöpfers gerichtet ist.

Um diese bewusste Antenne zu sein, wurde ihm das Zuhören zugewiesen. Denn durch es erhielt er das einzigartige Vorrecht, die Herrlichkeit des Schöpfers in einer modulierten Verbalisierung zu formulieren, mit der er allein begabt wurde.

Geschaffen nach dem Bild des Göttlichen, ist er nicht dazu bestimmt, an dem wunderbaren und majestätischen Schauspiel teilzunehmen, das die Schöpfung darbietet und das in einem Raum, so weit wie die Ewigkeit, die uneingeschränkte Erneuerung ihrer Freude darüber unterhält, hervorgebracht worden zu sein?

Die Intelligenz und die „Taubheit" gegenüber der göttlichen Dimension

Dank seiner eigenen Struktur ist der Mensch fähig, das aufzunehmen, was ihm der Kosmos, in den er eingeschlossen ist, übermittelt. Nicht nur vermag er das Lob zu singen, er kann auch seine vollständige Teilhabe auf bewusste Weise formulieren. So kann er sich auf entschlossene Weise in die kosmische Symphonie einfügen und sich in Übereinstimmung bringen mit den Rhythmen, welche die Folgen der Zeit in der siderischen Unermesslichkeit modulieren.

So nimmt das Zuhören seinen Sinn an. Ohne Zweifel ist es nur deshalb möglich gemacht, weil der Schöpfer selbst auf seine Schöpfung hört. In Wahrheit ist Er allein befähigt, dieses Vermögen in seiner Fülle zu genießen. Und dank seiner unermesslichen Großmut stellt sich ein Netz von Wechselwirkungen her, von Zwiegesprächen, von wechselseitigen Mitteilungen mit einem Wort, das ohne Zwang wirksam ist, als verstünde es sich von selbst. Daher rührt es, dass eine vollständige Harmonie durchscheint und in jenem Universum herrscht, das sich unaufhörlich schafft.

Jedes Hindernis dieser Syntonie, dieser Sympathie, ist Quelle des Leidens, des Bruches, der Nicht-Gemeinschaft. Allein der Mensch ist in das Leiden getaucht und verirrt sich in ihm, mächtig fortgezogen von seinem Verlangen, von seiner Macht zum Widerspruch Gebrauch zu machen. Durch ihn blutet eine Wunde irgendwo im Universum. Sein Leiden, seine Nöte, seine Schmerzen und seine Qualen zeugen von der Gesamtheit seiner befremdlichen Verhaltensweisen, außerhalb der üblichen Normen, die zum vollkommenen Gleichgewicht der Schöpfung notwendig sind. Es sind keine auferlegten, sondern hilfreiche, ja unentbehrliche Normen.

Es ist wahr, dass der Mensch von Gott eine ganz besondere Gabe empfangen hat: die Intelligenz, dank der er fähig wurde, sein eigenes Geschöpf in der Fülle der ihm zugeteilten Möglichkeiten zu verstehen. Dieser Interlogos sollte ihm gestatten, sich seinem Meister und Herrn in aller Freiheit zuzuwenden — das heißt: in aller Liebe.

Man weiß, welcher Keim des Hochmuts ihn dieser Dimension gegenüber „Taub" machen sollte. Von da an wird er die Gaben, die Gott ihm gespendet hat, an sich reißen und sich in einem unsinnigen Wahn vorstellen, alles sei von seinem eigenen Gehirn hervorgebracht worden.

Was ist ein Gehirn?

Doch was ist ein Gehirn? Alles und nichts.

ALLES ist es für den Wissenschaftler, der diesem außerordentlichen Organ von besonderer Komplexität die Fähigkeit zuschreibt, das „Denken", die „Ideen" hervorzubringen, und besser noch: zu erneuern, zu erfinden, zu entdecken mit einem Wort…

Die Gesamtheit des menschlichen Verhaltens lässt sich, demselben Konzept folgend, leichthin nicht nur durch die neuronale Dimension des Menschen erklären, sondern auch durch das subtile Spiel eines endokrinen Gleichgewichts. Im Maß der im Lauf der beiden letzten Jahrzehnte durchgeführten Forschungen schwankt nämlich die Wissenschaft zwischen dem Wunsch, in übertriebener Weise alle menschlichen Tätigkeiten dem Nervensystem zuzuschreiben, dessen besonders ausgearbeitete Strukturen man heute kennt, einerseits — und der Versuchung andererseits, dem endokrinen System eine vorrangige Rolle einzuräumen, die übertrieben erscheinen mag.

Weiser erscheint es, eine Verbindung der beiden Möglichkeiten anzunehmen, von denen man weiß, dass sie aufeinander einwirken. Indes muss man zugestehen, dass man, wenn man die Welt erbauen will, indem man den Menschen bis ins Äußerste auseinandernimmt und ihn bis in seine letzten molekularen Dimensionen seziert, betäubt und zugleich vor das sich aufdrängende Hinausgehen ratlos gestellt wird. Alles auf einen „Reduktionismus" hin zu zentrieren, mag unerträglich scheinen.

Der Mensch wird für den Menschen eine Frage bleiben, solange dieser ihn aus sich selbst zu entdecken beansprucht und solange er alles durch seine geistigen Mechanismen zu erklären entschließt.

NICHTS ist es für den, der sich dessen bewusst ist, dass der Mensch ein organischer „Komplex" aus 80 % Wasser und 20 % Mineralsalzen ist, dessen Gesamtfügung aber einer programmierten architektonischen Struktur entspricht, in einem Universum, das selbst den Geboten einer Evolution in Vollziehung gehorcht.

So wie ein Nebel sich zusammenzieht und sich verdichtet, indem er in das Spiel der Kräfte eintritt, die seine Formgebung und Bewegung beanspruchen, so gehorcht die Materie den Folgen, die ihr das für sie vorgegebene Programm ausliefert.

Das Glück des Menschen besteht darin, an der Freude teilhaben zu können, der Ausarbeitung dieses Programms zu folgen. Das unterscheidet ihn von den Reichen des Mineralischen, des Pflanzlichen und des Tierischen. Der Mensch kann an dieser kosmischen Dynamik teilnehmen, in die er als Teilhaber eingeschlossen ist, und dies dank jenes Verständnisses der Dinge, das ihm zugeteilt worden ist. So sehr, dass er unter solchen Bedingungen weiß, dass er jenes zuhörende Nichts ist, das in irgendeinem Winkel des Universums vor sich das fabelhafte Schauspiel eines lebenden Kosmos sich entfalten sieht, hineingeworfen in einen endlosen Tanz, getragen von den Klängen einer Symphonie, deren harmonische Strukturen unermüdlich die Herrlichkeit ihres Schöpfers singen.

Hören ist nicht Zuhören

Doch gibt es falsche Töne, die diese Harmonie verletzen und die so weit gehen, das zu verdecken, was vollkommen wahrgenommen werden sollte. Woher kommen diese Enttäuschungen denn? Ohne Zweifel von der hartnäckigen Verstocktheit derer, die, obwohl mit guten Ohren ausgestattet, weiterhin Nicht-Zuhörende sind.

Hören schließt das Zuhören nicht ein. Hören heißt, von einer Botschaft auf passive Weise überflutet zu werden, allenfalls heißt es, sich von ihr beeindrucken zu lassen, mit dem Ziel, sie zu analysieren, zu kritisieren und ihren Wert nach Maßstäben zu beurteilen, die ihrerseits die Grundlage einer willkürlichen Entscheidung sind, die zu unterscheiden vorgibt. Und schließlich heißt es: nur so zu verfahren, wie es einem in den Kopf kommt.

Zuhören liegt auf einer ganz anderen Ebene, und die Unterscheidung, die sich damit verbindet, zielt auf die Scheidung dessen, was zu befolgen, und dessen, was zu meiden ist. Doch in dem Augenblick, da man zwischen diesen beiden Funktionen zu spielen weiß, ist man imstande, das zu hören, was nicht in volle Erwägung zu ziehen ist, und ist im Gegenteil ganz Zuhören vor dem, was einer tiefen Wirklichkeit, einer Wahrheit mit einem Wort entspricht.

Es versteht sich von selbst, dass die Haltung, die sich daraufhin abzeichnet, eine ganz andere ist als die, die der Mensch sich gewöhnlich vorstellt. Und dies umso mehr, als seine Erziehung und seine Kultur ihn darauf konditionieren, das Gewirr seines existenziellen Labyrinths zu durchschreiten. Daher wird er im Lauf seiner mehr oder weniger zerklüfteten, mehr oder weniger dramatischen, mehr oder weniger tragischen menschlichen Geschichte das Schicksal beschuldigen, ihn dazu zu zwingen, eine Reise voller Drangsale und Hinterhalte anzutreten. Es gibt kein anderes Schicksal als das, welches er sich selbst zubereitet.

Die Menschheit schreitet so, wie sie kann, dahin, geführt von Hirten, die selbst des Zuhörens entblößt sind und einzig auf das gerichtet sind, was sie zu hören wünschen: ihr politisches Ideal, in das sich ihre persönlichen Interessen einschleichen.

Wohin man sich auch wendet: die menschlichen Lösungen haben kaum Gewicht, wenn sich nicht das Zuhören auf das einstellt, was Ist. Was Ist, das ist das Universum, das es uns vorschreibt und das uns auf seine Weise übersetzt, was der Schöpfer ihm bedeutet.

Was ist: der Mensch im Hören auf das Wort

Was ist, das ist der bewusste Mensch, ganz Zuhören, weit geöffnet, um zu erfassen, was Gott ihm verkündet.

Was ist, das ist diese makellose Rede, die vom Herrn ausgeht.

Was ist, das ist das stete Zuhören auf die Rede, die zum Dialog wird, wenn der Mensch sich verpflichtet, aus sich das Wort hervorströmen zu lassen, das ihm geschenkt ist.

Es ist von nun an Gott, der durch den Menschen spricht. Doch ist es ebenso der Herr, der zuhört, wenn wir nichts als sein Werkzeug sind.

Der menschliche Leib, sein neuronales System, sind kaum etwas anderes als das wirkende Werkzeug eines Gottes, der aus dem Menschen den Verwalter der Erde machen will, die Er ihm anvertraut hat. Und der Verwalter ist derjenige, der für seinen Herrn das fruchtbar werden lässt, was ihm anvertraut wurde.

Zuhören heißt, über das Vernehmen hinauszugehen; es heißt, gemäß einem Plan zu handeln, der dem Verlangen des Meisters entspricht.

Doch welche Freude und welche Freiheit gehen aus einer solchen Haltung hervor! Sich auf solche Weise für eine Zeit geführt zu wissen — eben jene Zeit, die zum Erlernen der Dinge Gottes nötig ist —, dazu bestimmt zu sein, der vollkommensten Vollendung entgegenzugehen, um den Meister zu jeder Stunde und an jedem Ort zu befriedigen: ist das nicht der Zutritt zur Ebene der Seligpreisungen?

Das Ideal des Weisen — ein zuhörendes Ohr

Das Endziel: das Zuhören beherrschen

Das Endziel, wenn es eines gibt, ist eben das Zuhören zu beherrschen, das heißt für den Menschen, sich ganz in die ihm zugewiesene Rolle zu investieren. Und dieses Endziel besteht in Wahrheit in der Einrichtung dessen, was sein muss. Daher wird es dem Menschen, anstatt eine waagerechte Kommunikation zu suchen, anstehen, zu jener Ebene zu gelangen, die der wahren Senkrechten entspricht: derjenigen des Geistes.

Auf dieser Ebene, jenseits der Miasmen, fern den schädlichen Einflüssen, die in jedem Menschen das Verlangen zu leben — oder, was auf dasselbe hinausläuft, das Verlangen zuzuhören — neutralisieren, ist alles nur noch Gemeinschaft.

Der Geist ist das, was zu dem Menschen spricht, der zuhört; und der, welcher zuhört, kann nur durch ein Fiat antworten.

Es ist wahr, dass nicht alles so leicht ist, wie man behauptet. Wie wir es mehrfach klargestellt haben, hat von Anfang an das „taube" Tier — die Schlange in jenem Fall — den Menschen gelehrt, nicht zuzuhören, das heißt: ungehorsam zu sein. Das wird man ohne Zweifel verstanden haben.

Was also tun? Soll man vor einer Lage, die von so tief und so weit zurückreichenden Gewohnheiten geprägt ist, die Waffen strecken? Vor allem nicht. Wenn die Institution der Menschen auf einer falschen Sprache errichtet ist, die in jedem Einzelnen, in jeder Volksgruppe, in jeder Sprache widerhallt, so ist gleichwohl in Wahrheit nicht alles grundlegend und gänzlich unzurückführbar. Denn das Zuhören erscheint auf den ersten Blick als ontologisch, so sehr ist es in den Tiefen des vitalen Kerns verankert, so sehr ist es die Antwort oder, besser noch, die spürbarste Bekundung der Resonanz des Seins. Es ist die Folge des Lebens selbst, das nur durch eine stete und feine Aufmerksamkeit wahrgenommen werden kann. Es ist der Ausdruck, dem das Bewusstsein zugrunde liegt. Es ist das unentbehrliche Band, durch das der Leib in Resonanz mit der Schöpfung zu treten beginnt, da er, wie sie, von einem und demselben Programm regiert wird, dem nichts entgeht.

Es ist wahr, dass eine solche Stellungnahme rasch alle theoretischen Konstruktionen des Rationalismus, des Positivismus oder des Materialismus umgeht; denn um die Wahrheit zu sagen, führt sie zur Selbstverständlichkeit. Wenn man nur die Gesamtheit dieser Schwankungen des menschlichen Geistes überblickt, wird man rasch zu der Feststellung geführt, dass sie kaum mehr sind als unerreichbare Utopien — umso mehr, als sie von Menschen verwaltet werden, von denen man weiß, dass ihre ideologischen und oft persönlichen Interessen sich einmischen und dadurch das vorgeschlagene theoretische Gerüst zunichtemachen.

Das heißt: der menschliche Geist ist nicht der göttliche Geist; und wenn dieser durch den Menschen hindurchgeht, so verbleibt er in ihm nur, wenn dieser sich als Person auslöscht, um nichts mehr zu sein als eine Einheit, getaucht in das große Ganze.

Was man in der soziologischen Dynamik der Völker beobachtet, die nach hier und dort gezerrt werden, findet sich ohne Zweifel in den von der Philosophie abgeleiteten Geisteswissenschaften wieder. Besser noch: dasselbe Phänomen begegnet man im Bereich der reinen Wissenschaften. Denn die Objektivierung des Beobachters wird sehr bald von dem Verlangen desselben gegengewichtig aufgehoben, sich mit einem Beobachter zu identifizieren. Auch hier muss man daran erinnern, dass es gewissen Wesen gegeben ist, Tatsachen ans Licht zu bringen. Doch neigen sie nicht dazu, zu vergessen, dass diese Phänomene seit aller Ewigkeit existieren, und dass ihnen lediglich die Gelegenheit angeboten wird, deren Augenfälligkeit hervorzuheben? Und überdies zum Nutzen anderer.

Das Unglück dessen, dem diese Gabe verliehen wurde, ist, dass er sich meistens vorstellt, seine Persönlichkeit sei außergewöhnlich. Die ihm erwiesenen Ehren bekräftigen ihn im übrigen in dieser Vorstellung. Das ist sein Verderben. Im Lauf der Zeiten, vom Anfang des Anfangs an, geschehen die Dinge, offenbaren sie sich, werden sie entdeckt, dem festgesetzten Augenblick gemäß; und um sie den Menschen wahrnehmbar zu machen, bedienen sie sich vorbestimmter Häupter, die suchende Häupter sein sollen. Es gibt darin kein Verdienst. Forscher zu sein ist die Antwort auf eine Berufung, auf eine innere Stimme, die spricht, die anregt und die von da an den Erwählten in diese oder jene Richtung führt. Doch auch dies ist die Folge eines besonders geschärften Zuhörens. Es kann sich nur einstellen, wenn das Subjekt die abgestreifteste Stufe der Demut erreicht. Mensch zu sein heißt, vom Humus zu sein, dem Leben zuhörend. Man weiß, was das Leben ist.

Wie dieses Zuhören erweckt werden kann

Wie man leicht vermuten kann, nachdem man von diesen verschiedenen Erwägungen Kenntnis genommen hat, ist man berechtigt, sich zu fragen, ob es einen Ausweg gibt, irgendeinen Weg, der fähig wäre, das menschliche Wesen über die Möglichkeit zu hören hinaus zu der Fähigkeit zuzuhören zu führen. Gewiss, ja; doch welch langer Weg und welch tiefer Entschluss sind erforderlich, um zu sehen, wie sich tiefe Veränderungen im Spiel der so lange verstellten inneren Dynamik einstellen?

Alles ist gleichwohl möglich. Wie viele Menschen haben seit der Nacht der Zeiten diese Reise zurückgelegt? Heute kann, sofern man sich nur dafür interessiert, was die gegenwärtige Technologie zu bieten vermag, diese Reise erleichtert werden. Doch ist es nicht gewagt, eine Rede wie die, die wir soeben entfaltet haben, mit irgendeiner aus dem Menschen geborenen Neuerung in Verbindung bringen zu wollen? Ist dies nicht die völlige Verleugnung dessen, was wir in den vorangehenden Zeilen vorgebracht haben? Man weiß jetzt, was unsere Auffassung der aus dem Genie des Menschen hervorgegangenen Entdeckungen ist. Wir haben uns darüber erklärt. Es gibt nicht mehr Genie, als es Entdeckungen gibt. Es ist allein einigen wohlorganisierten Köpfen gegeben, ungewöhnlich in ihren Anliegen, auf „die Dinge" abgestimmt zu sein, die sich von selbst entdecken.

Man kann also wissen, wenigstens zum Teil, was Zuhören ist, und mit diesem Wissen kann man es in seiner Fülle wecken und erwecken. Das zuhörende Subjekt ist von nun an im Besitz von Mitteln, die seinem menschlichen Stand innewohnen und von denen es nichts wusste. Es wird oft auf den Weg seiner wirklichen Sendung in dieser Welt geführt. Es kommt plötzlich zu einem Einsetzen seiner Poetik, seiner Schöpferkraft — doch einer Schöpferkraft, die wir „geläutert" zu nennen wagen werden. Denn das wirkliche Zuhören wendet sich, sofern es sich an den Leib wendet, an ihn nur, um ihn zu kennen und ihn zu steuern als zuhörende Antenne all dessen, was die familiäre, schulische, gesellschaftliche Umwelt bildet, und das übersetzt sich in Tat, ohne notwendigerweise durch eine auditive Empfindung hindurchzugehen. Es gibt, wie es scheint, jenseits der auditiven Reichweite, Gebiete, in denen unsere Wahrnehmung auf anderen Wellenlängen arbeitet — die Intuition zum Beispiel, die parapsychischen, telepathischen, prophetischen Phänomene.

Doch noch einmal: eine solche Veranlagung verlangt einen Verzicht auf jede Macht, welcher Art auch immer, ein Aufgeben jedes Anspruchs im persönlichen Handeln.

Verstehen wir uns recht: das bedeutet nicht, dass man radikal all das unterdrückt, was die Freuden des Alltags ausmacht. Nur die Haltung gegenüber diesem Alltag verändert sich völlig. Man vergisst, dass man als Einzelnes existiert, und man wird sich gewahr, dem Ganzen anzugehören — jenem Ganzen, das uns umgibt und das selbst ein Teilstück einer größeren Wesenheit darstellt, die ein Staat sein kann, der seinerseits in eine Menschheit eingebettet ist, welche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zugleich umfasst.

So ist jeder Mensch eine „Zelle", die war, ist und sein wird auf dem Planeten und die durch dieses bloße Faktum beanspruchen darf, in ihrem Maßstab eines der Glieder dieser evolutiven Kontinuität der Welt zu sein.

Man hat es verstanden. Den Menschen einzuladen, vom Hören zum Zuhören überzugehen, hat den Charakter einer wahren Umkehr. Und das Vorhaben, sofern es möglich ist, kann lang sein, unterirdisch, ja schmerzlich. Gleichwohl ist es heute leicht, diesen Vorgang dank der Technologie zu beschleunigen. Man weiß, dass diese, wenn sie gut verwaltet wird, in den Dienst des Menschen gestellt werden kann. Sie kann es sein — doch unter der ausdrücklichen Bedingung, dass derjenige, der sich auf sie einlässt, einwilligt, sich ihr zu unterwerfen. Von da an ist es möglich, „elektronisch" demjenigen, der von dieser Fähigkeit Gebrauch machen will, zu offenbaren, was das Zuhören ist.

Man sieht, was eine solche „Erziehung" erfordert. Viele Einzelne willigen ein, sich auf sie einzulassen, und von Tauben, die sie waren, gelangen sie auf die Stufe des Hörens. Doch von ihrer Vernunft blockiert — von der man weiß, dass sie die erste Form ihrer Entfremdung ist —, gehen sie nicht weiter. Begünstigt durch ihren kritischen Intellektualismus, vermögen sie nicht einmal zu erahnen, was Zuhören wirklich bedeutet. Glücklicherweise finden sich andere buchstäblich zum Zuhören hingerissen und spüren, wie sich in ihnen eine wahre Umkehr, eine wirkliche Verwandlung vollzieht. Alles spielt sich in Wahrheit ab, als ob es einen Polaritätswechsel gäbe, eine Verlagerung des Epizentrums, das von da an nicht mehr egozentrisch ist. Es liegt anderswo, sich immer mehr entfernend, um sich in jenen Horizont einzufügen, der den Beginn der Welt bezeichnet, dort, wo das „schöpferische Prinzip" seinen Sitz hat.

Es geht dann nur noch darum, an der Entfaltung der Welt und an ihrer Entwicklung teilzunehmen. Es gibt keinen Anlass mehr, irgendwelche Zwänge zu empfinden, sondern nur noch, auf bewusste Weise am Bau des Universums teilzunehmen. So wird der Mensch zum verbalisierten Echo des zeugenden Wortes. Er weiß in menschlicher Sprache zu formulieren, was der Kosmos in seiner dynamischen Funktion singt.

Ohne Zweifel ist man neugierig zu erfahren, wie man durch eine moderne Technik wie die Elektronik den schlecht zuhörenden Menschen dazu führen kann, seine Weise zu sein zu ändern. Um die Einheit dieser Rede nicht zu zerbrechen, werden wir uns gestatten, in einem zweiten Schritt diese Pädagogik des Zuhörens zu entfalten. Sie ist nach unserer Ansicht von vorrangiger Bedeutung und sollte ohne Zweifel an allererster Stelle in die Vorgänge der Erziehung eingeschrieben werden.

À l’Écoute de la Parole

Vortrag von Dr. Alfred A. Tomatis (Paris 1998).