Éducation et Dyslexie (1972)
Zweites großes Buch Alfred Tomatis’, 1972 bei den Éditions Sociales Françaises erschienen (Reihe „Sciences de l’éducation"). Der Verfasser geht darin frontal eines der brennendsten Probleme der damaligen psycho-sozialen Aktualität an, die Legasthenie, und schlägt eine damals neue These vor: die Legasthenie ist vor allem eine Störung des Zuhörens, und nur durch eine auditive Wiedererziehung lässt sie sich beheben. Synthese von mehr als zwölftausend persönlichen Fällen, entfaltet das Werk einen Weg, der vom Pädagogen über den Mediziner zum Psychologen führt und in eine Anthropologie des Lesens mündet, in welcher das Ohr die zentrale Rolle spielt.

„Die Legasthenie ist ein auditives Problem. (…) Hört das Kind und, in einem zweiten Schritt, hört es zu? Nichts hat sich seit Urzeiten geändert; erinnert die Schrift nicht daran, dass es zwar wahr ist, dass der Mensch hört, dass es aber ebenso wahr ist, dass er dem Zuhören oft verschlossen ist."
Vorstellung
Als er 1972 Éducation et Dyslexie veröffentlicht, hat Dr. Alfred Tomatis bereits zwanzig Jahre klinische Praxis hinter sich und mehr als zwölftausend legasthenische Fälle behandelt. Er beschließt, sich dem zu widmen, was er selbst „eines der brennendsten Probleme der psycho-sozialen Aktualität" nennt: einer Störung, deren Verbreitung „immer weitreichender" wird und die jedem Versuch einer medizinischen, psychologischen oder pädagogischen Bestimmung widersteht.
Das Vorhaben des Werkes ist ein dreifaches. Erstens, die Bestandsaufnahme: Was hat man über die Legasthenie gesagt, von Berlin und Buns (1881) bis zu den zeitgenössischen Arbeiten Borel-Maisonnys, Mucchiellis oder Ajuriaguerras? Zweitens, die persönliche These des Verfassers darzulegen: die Legasthenie ist weder ein Fehler des Sehens noch eine „chromosomale Tare" noch ein pädagogischer Rückstand — sie ist eine Störung des Zuhörens, das heißt der willentlichen auditiven Funktion, die es dem Ohr erlaubt, die Sprache auszuwählen, zu analysieren und zu integrieren. Drittens, einen therapeutischen Weg vorzuschlagen: die erzieherische Kur durch das Elektronische Ohr, deren Wirksamkeit an Tausenden von Kindern festgestellt worden ist.
Das Werk verteidigt eine klinische Intuition von großer Tragweite: „ohne Ohr kein Lesen". Man liest mit seinem Ohr, weil das Lesen die Beherrschung der klanglichen Strukturen der Sprache — Phoneme, Prosodie, Rhythmus — voraussetzt, die nur ein aktives Ohr aus dem verbalen Fluss zu extrahieren weiß. Wenn dieses Zuhören fehlt, verschwimmt der Buchstabe, die Wörter stoßen aneinander, das Kind strauchelt. Die Legasthenie ist somit keine Unfähigkeit, sondern die Einschreibung — im Buchstaben — einer Verschließung gegenüber dem Zuhören, die sich lange vor dem Lesenlernen ausgebildet hat.
Diese These verteidigt der Verfasser mit der Strenge des Klinikers und der Wärme des Erziehers. Der Ton ist gerne polemisch — Tomatis schont weder die Medizin seiner Zeit, die es sich angelegen sein lässt, mit einem Wort „Vermögen zu machen", noch die Pädagogik, schnell mit dem Etikett „legasthenisch" bei der Hand. Aber er ist es stets zum Vorteil des Kindes, das sich mit dem Lesen abmüht — eines Kindes, das es zu „befreien" gilt, statt es in eine „Kategorie" einzusperren.
Inhaltsverzeichnis
Das Werk folgt einem strengen Weg, der Kapitel um Kapitel von der Bestimmung des Symptoms zu seiner Therapie führt:
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Einleitung — Die Legasthenie als „Krankheit des Jahrhunderts": Probleme, semantische Verirrungen, Wuchern des Etiketts.
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1. Was versteht man unter „Legasthenie"? — Geschichte des Begriffs seit Berlin und Buns (1881); kritischer Rückblick auf die nachfolgenden Neologismen (Alexie, Typhologie, Bradylexie, Legasthenie…).
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Der Pädagoge angesichts der Legasthenie — Von der Antike bis zu Comenius, Locke, Pestalozzi, Decroly, Freinet: wie die Pädagogik des Lesens — ohne es zu wissen — den legasthenischen Boden bereitet hat.
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Der Mediziner angesichts der Legasthenie — Broca, Wernicke, Dejerine und die große Tradition der Aphasien; die Verblendungen der zerebralen Medizin angesichts einer Störung, die ihr nicht ähnelt.
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Der Psychologe angesichts der Legasthenie — Binet, Piaget, Wallon, Ajuriaguerra: was die Psychologie gesehen hat, was sie nicht hat sehen wollen.
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Das Ohr, zentrales Organ des Lesens — Der Tomatis-Effekt, das führende Ohr, die auditive Lateralisierung; embryologische, anatomische und kybernetische Argumente.
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Die erzieherische Kur — Grundsätze der audio-vokalen Erziehung unter dem Elektronischen Ohr; Fallstudien (Alexandra, Stéphane und viele andere); Ergebnisse und Dauern.
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Schluss — Vom Ohr zur Erziehung: für eine Schule, die keine Legastheniker mehr erzeugt.
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Bibliographie — 105 Referenzen, von Platon bis Mucchielli.
Auszug
„Wenn es leicht ist, eine Katze eine Katze zu nennen, warum sich abmühen, die Schwierigkeit, lesen zu lernen, ‚Legasthenie’ zu nennen? (…) Das Wort Legasthenie macht Vermögen und breitet sich aus wie eine Epidemie, die selbst die Tapfersten trifft. Viele von uns fragen sich sogar, ob sie nicht ein wenig legasthenisch sind und in welchem Grade sie es sein können."
— Kapitel 1, „Was versteht man unter ‚Legasthenie’"
Stellung im Werk
Als zweites großes Werk Alfred Tomatis’ nach L’oreille et le langage (Le Seuil, 1963) eröffnet Éducation et Dyslexie den Zyklus der drei bei ESF in der Reihe „Sciences de l’éducation" erschienenen Bücher: La Libération d’Œdipe (1972) und Vers l’écoute humaine (1974) werden es ergänzen. Es stellt die erste systematische klinische Anwendung der 1963 gesetzten Entdeckungen dar und wird unter allen Schriften Tomatis’ jenes Werk bleiben, in welchem die eigentlich pädagogische Dimension der Methode am ausdrücklichsten zum Ausdruck kommt. Unentbehrliche Lektüre für jeden, der sich für die Legasthenie, für die Pädagogik des Lesens, für die Logopädie oder weiter gefasst für die spezifischen Störungen des schulischen Lernens interessiert.
Das Wesentliche
Éducation et Dyslexie kehrt die vorherrschende Diagnose um: die Legasthenie ist weder eine Störung des Sehens noch des Gehirns noch der Intelligenz, sondern wahrhaftig eine Störung des Zuhörens. Die ganze Demonstration Tomatis’ zielt darauf, festzustellen, dass ohne aktives Ohr der Buchstabe unzugänglich bleibt — und dass dieses Ohr sich erziehen lässt. Dem Kind, das sich mit dem Lesen abmüht, schlägt er somit kein Palliativ vor, sondern eine wahrhafte Wiederöffnung des auditiven Kanals durch die Kur des Elektronischen Ohrs, die er entwickelt hat.
Über die Legasthenie selbst hinaus ist das Werk ein Manifest für eine Erziehung, die das Zuhören ins Zentrum der Überlieferung stellt. Reich an mehr als zwölftausend klinischen Fällen, gestützt auf einen bemerkenswerten historischen Rückblick von der Antike bis zu den Pädagogen des 20. Jahrhunderts, ist es zugleich ein Buch des Pädagogen, des Mediziners und des Denkers — das eines Mannes, der „gegen den legasthenischen Zustand kämpfen" will, weil ihm nachzugeben heißt, einem Drittel der schulfähigen Kinder die Schwelle des Wissens zu verschließen.
Verfügbar in Bibliotheken — BnF, Sudoc.