La libération d'Œdipe (1972)
Drittes großes Buch Alfred Tomatis’, bei den Éditions ESF in der von Daniel Zimmermann herausgegebenen Reihe „Sciences de l’éducation" erschienen. Unter dem Untertitel De la communication intra-utérine au langage humain entfaltet das Werk eine der kühnsten Thesen des Verfassers: im intrauterinen Leben wurzelt das sprachliche und, weiter gefasst, das existenzielle Schicksal des Menschen. Die Lösung des Ödipuskomplexes findet darin zum ersten Mal in der wissenschaftlichen Literatur eine auditive Lesart, welche die klassische Psychoanalyse zutiefst erneuert.

„Die ganze menschliche Reise hat hier einen wohlbestimmten Sinn — eben jenen, der den Menschen vom Verlassen der uterinen Nacht an dazu führt, sich durch seine Sprache aufzubauen und in Funktion seines sprachlichen Werdegangs zu werden, was er ist."
— A.A. Tomatis, Bemerkung des Verfassers
Vorstellung
Als Tomatis La libération d’Œdipe schreibt, hat er soeben die pädagogische Trilogie abgeschlossen, die mit L’oreille et le langage (1963) und Éducation et Dyslexie (1972) eingesetzt hatte. Dieses Werk, das er als die Krönung seines Denkens der 70er Jahre betrachtet, wagt es, die Auseinandersetzung auf das Feld der Psychoanalyse zu tragen — einer Disziplin, mit der er komplexe und fruchtbare Beziehungen unterhält. Die zentrale These ist bekannt, hier aber in ihrer ganzen Weite entfaltet: das Zuhören beginnt vor der Geburt; der Fötus hört die durch die Fruchtwasser gefilterte Stimme seiner Mutter, und dieses intrauterine Zuhören legt die ersten Grundlagen der kommenden Sprache.
Der Mythos des Ödipus wird daraus verwandelt hervorgehen. Wo Freud ein Drama des Begehrens liest, liest Tomatis ein Drama der abgeschnittenen Kommunikation: Ödipus ist jener, der sich nicht hört, der nicht zuhört und der, um Mensch zu werden, den klanglichen Weg neu beschreiten muss, der von der mütterlichen Stimme zur väterlichen Stimme führt, von den umhüllenden tiefen Klängen zu den strukturierenden hohen Frequenzen. Die ödipale Befreiung wird damit zu einer Arbeit des Zuhörens, deren klinisches Werkzeug die Audio-Psycho-Phonologie zu sein vorgibt.
Das Werk verschränkt embryologische, neurophysiologische, linguistische und psychoanalytische Daten in einer Synthese, die seinerzeit kein Gegenstück hat. Fünfzehn Jahre später, als Tomatis die Neuausgabe (1989) vorbereitet, wird er feststellen, dass „nichts am Fluss des Denkens zu ändern ist" — das Werk „bewahrt seine ganze Neuheit, seine pädagogische Tragweite und seinen therapeutischen Wert".
Inhaltsverzeichnis
Das Werk entfaltet sich in mehreren großen Schritten:
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Von der intrauterinen Kommunikation — wie der Fötus zuhört, was er hört, was er integriert.
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Die Geburt und die Eroberung der Sprache — vom Urschrei zu den ersten Worten, die Rolle der mütterlichen, sodann der väterlichen Stimme.
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Die Kindheit und die Lateralisierung — wie sich das führende Ohr einstellt, wie sich das Körperschema einrichtet.
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Der neu gelesene Ödipuskomplex — auditive Lesart des Mythos: Ödipus taub gegenüber dem Orakel, Ödipus taub gegenüber seiner Mutter, Ödipus taub gegenüber seinem Vater.
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Die Befreiung — die klinischen und erzieherischen Wege, auf denen das Ohr wiedergeöffnet, wiederbelebt, reintegriert werden kann.
Stellung im Werk
Mit L’oreille et le langage (1963) und Éducation et Dyslexie (1972) bildet La libération d’Œdipe die Trilogie, auf welcher das theoretische Gebäude der Audio-Psycho-Phonologie ruht. Tomatis legt hier die Grundlagen dessen, was er in all seinen späteren Werken entfalten wird: La Nuit utérine (1981), Neuf mois au paradis (1989), L’Oreille et la Voix (1987). Es ist das Buch, in dem die klassische Psychoanalyse zum ersten Mal auf gleicher Augenhöhe der auditiven Neurophysiologie begegnet.
Das Wesentliche
La libération d’Œdipe ist das Werk, das das tomatissche Denken aus dem pädagogischen Bereich in jenen der Tiefenpsychologie kippen lässt. Mithilfe von etwa hundertzwanzigtausend in der Klinik begleiteten Fällen weist der Verfasser nach, dass die Qualität des intrauterinen — sodann postnatalen — Zuhörens die Qualität der Einschreibung des Subjekts in die Sprache und damit ins Menschsein weitgehend bestimmt. Anspruchsvolle, aber fesselnde Lektüre, die jedem Psychoanalytiker, Psychologen, Pädiater, jeder Hebamme und allgemeiner jedem Erwachsenen zu empfehlen ist, der dem geheimnisvollen Aufkommen des Sinnes aufmerksam folgt.
Verfügbar in Bibliotheken — BnF, Sudoc.