Neuf mois au paradis (1989)
Bestseller für ein breites Publikum, 1989 bei den Éditions Ergo Press erschienen, in Zusammenarbeit mit Loïc Sellin. Das Buch trägt die Forschungen, die Tomatis seit vierzig Jahren über das intrauterine klangliche Leben verfolgte, in die populäre Auseinandersetzung. In einer Zeit, in der sich die Mode der „Mozart-Babys" verbreitet, ohne immer recht zu wissen, was sie zu stimulieren vorgibt, setzt Tomatis die Uhren zurück: ja, der Fötus hört zu; ja, er durchtränkt sich mit der mütterlichen Stimme; aber nein, es genügt nicht, einen Kopfhörer auf den runden Bauch zu legen, um Genies zu fertigen.

„Der Fötus hört zu, er besitzt von den ersten Tagen seines Lebens an seine eigenen kognitiven Fähigkeiten und seine Psychologie. Aber als ich anfing, mich für diese Phänomene zu interessieren, mitten in den 50er Jahren, gab es nichts. Ich predigte in einer Wüste der Gleichgültigkeit und der Feindseligkeit."
— Kapitel 1 — Eine kleine Nachtmusik
Vorstellung
1989 ist das pränatale Zuhören zu einem Gemeinplatz geworden. Die Zeitungen vervielfältigen die Artikel über die „motorischen Reaktionen des Fötus auf Strawinsky", das Universitätskrankenhaus von Amsterdam spielt Frühgeborenen im Brutkasten Musik vor, um ihren Sauerstoffverbrauch zu senken, und die „Mozart-Babys" machen das Glück der Magazine. Tomatis, der vierzig Jahre zuvor verspottet worden war, als er seine ersten Beobachtungen vor der Académie de médecine vortrug, beschließt, die Dinge neu zu ordnen — ohne Triumphalismus, aber mit neuer Festigkeit.
Neuf mois au paradis ist als Buch für ein breites Publikum konzipiert, im Ton zugänglich, zuweilen polemisch, oft militant. Die kurzen Kapitel, die lebendige Schreibart (oft im Dialog mit Loïc Sellin), der Gebrauch präziser klinischer Fälle und aus der zeitgenössischen Presse entnommener Beispiele machen es zu einem Text, den man von Hand zu Hand weiterreichen kann. Es ist eines der meistgelesenen Bücher Tomatis’, in rund ein Dutzend Sprachen übersetzt.
Die Argumentation folgt einer dreifachen Linie: (1) ja, der Fötus hört zu, und er tut es seit viel früher, als man dachte — das Innenohr ist von der 18. bis 20. Woche an funktional; (2) die Stimme der Mutter steht über allem — sie ist es, die das psychoakustische System des Fötus durchtränkt, und nicht irgendeine Hintergrundmusik; (3) das uterine „Paradies" verlängert sich in der Qualität des postnatalen Dialogs — es besteht eine psycho-akustische Kontinuität zwischen der Schwangerschaft und den ersten Lebensmonaten.
Inhaltsverzeichnis
-
Eine kleine Nachtmusik — Bestandsaufnahme der Forschungen zum fötalen Hören im Jahre 1989.
-
Das Ohr des Fötus, ein frühes Organ — Embryologie des pränatalen Hörens.
-
Die Stimme der Mutter, erste klangliche Landschaft — was der Fötus hört und wie.
-
Geboren werden, oder der akustische Bruch — die Geburt als radikales klangliches Umkippen.
-
Das gefilterte tomatissche Zuhören — wie die Wiedererziehung erlaubt, das, was gefehlt hätte, nachträglich erneut zu durchschreiten.
-
Klinische Fälle — Autismen, Sprachverzögerungen, mütterliche Depressionen, Zwillingsgeburten…
-
Vom rechten Gebrauch der „Mozart-Babys" — Kritik schlecht informierter Moden, Plädoyer für eine erleuchtete Elternschaft.
Stellung im Werk
Neuf mois au paradis schließt an La Nuit utérine (1981) an und verleiht ihr einen zugänglicheren, militanteren und polemischeren Ton. Es ist das Buch, durch das viele künftige Eltern das Denken Tomatis’ entdecken. Die Begriffe sind dieselben wie in La Nuit utérine, doch die Rhetorik hat sich gewandelt: Tomatis verteidigt darin ausdrücklich seine Priorität gegenüber den pseudo-wissenschaftlichen Moden, die Ende der 80er Jahre überhandnehmen.
Das Wesentliche
Unentbehrliche Lektüre für jeden künftigen Elternteil, für Hebammen, Pädiater, Geburtshelfer, perinatale Erzieher. Das Buch liest sich in wenigen Abenden und erschüttert dauerhaft die Vorstellung, die man sich von der Schwangerschaft macht. Auch jeder Schwangeren zu empfehlen, die sich Fragen zur Aufmerksamkeit stellt, die sie ihrer eigenen Stimme, ihren Empfindungen, ihrem stillen Dialog mit dem Kind, das sie trägt, schenkt.
Verfügbar in Bibliotheken — BnF, Sudoc.