Vertiges (1989)
Kurzes, klinisch sehr dichtes Werk, 1989 bei den Éditions Ergo Press erschienen, in welchem Tomatis frontal eine der geheimnisvollsten Krankheiten der Oto-Rhino-Laryngologie angeht: das Menière-Syndrom. Die These ist verblüffend: was man für eine organische Gleichgewichtsstörung hält, ist in Wahrheit eine Kommunikationsstörung. Indem man den Patienten das Zuhören lehrt, befreit man sie von ihren Schwindelanfällen. Diese Entdeckung führt Tomatis dazu, die Physiologie des Ohrs von Grund auf wiederaufzunehmen — er bezeichnet es als die „schwingende Antenne des Lebens".

„Der Schwindel hebt das Gleichgewicht auf und erzeugt unerträgliches Sausen. Hervorgerufen durch eine Beziehungsschwierigkeit, einen Mangel an Kommunikation mit dem familiären oder gesellschaftlichen Umfeld oder durch ein nicht in Worte gefasstes inneres Leiden, muss ein solches Unbehagen Gegenstand einer Untersuchung sein, die den Rahmen einer bloßen funktionalen Störung weit übersteigt."
— Klappentext
Vorstellung
Das 1861 beschriebene Menière-Syndrom ist eine der unbequemsten HNO-Diagnosen: Anfälle von Drehschwindel, Tinnitus, Hörsturz, Übelkeit. Die klassische Medizin führt es auf ein Ungleichgewicht der labyrinthischen Flüssigkeiten zurück (endolymphatischer Hydrops), ohne dessen Ursprung genau zu kennen oder eine befriedigende Behandlung dafür zu besitzen. Tomatis macht im Verlauf seiner Praxis eine unerwartete Beobachtung: die Patienten, die einem Protokoll der auditiven Erziehung unterzogen werden (Elektronisches Ohr, Integration gefilterter Höhen), sehen ihre Schwindelanfälle verschwinden.
Woher kommt diese Wirkung? Tomatis greift auf die klassische Hörphysiologie Békésys zurück — die um 1960 mit dem Nobelpreis gekrönt wurde —, die er für unvollständig hält. Für ihn greift der Klang das Innenohr nicht nur über die Gehörknöchelchenkette an; er greift es über das gesamte Knochensystem an, wobei der ganze Schädel als Resonator dient. Die akademische Unterscheidung zwischen Gleichgewicht (vestibuläres Ohr) und Hören (cochleäres Ohr) ist für Tomatis teilweise künstlich: es ist dasselbe Ohr, das beide Funktionen orchestriert, und es ist die globale Qualität des Zuhörens, welche die posturale Stabilität bestimmt.
Das Werk entfaltet diese These in sieben präzisen Kapiteln (siehe unten), die physiologische Erinnerungen, klinische Vignetten und therapeutische Perspektiven verschränken. Tomatis erhebt nicht den Anspruch, alle Menière-Fälle zu heilen, aber er eröffnet einen neuen therapeutischen Weg, der als Ergänzung zu den klassischen Behandlungen zu erkunden ist.
Inhaltsverzeichnis
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Vorwort (S. 3)
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Einleitung (S. 6)
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Wie zeigt sich das Menière-Syndrom? (S. 10)
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Was ist das menschliche Ohr? (S. 22)
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Wie funktioniert das menschliche Ohr? (S. 41)
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Schwindel und Psychisches (S. 67)
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Was tun angesichts des Schwindels? (S. 77)
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Schluss (S. 85)
Stellung im Werk
Innerhalb der tomatisschen Produktion nimmt Vertiges einen besonderen Platz ein: es ist das Buch, in dem Tomatis sich — gleichsam wider Willen — auf das umstrittenste Gebiet der akademischen HNO-Heilkunde wagt. Er bietet darin seine gesamte medizinische Herkunftsexpertise auf, um sie aber seiner audio-psycho-phonologischen Perspektive unterzuordnen. Das Buch wirkt so als Manifest: „er hat den Menschen auf sein Ohr umgekrempelt", sagt der Klappentext.
Das Wesentliche
Zu empfehlen den HNO-Ärzten, den Osteopathen, den spezialisierten Physiotherapeuten und natürlich jeder Person, die unter wiederkehrenden Schwindelanfällen leidet — bestätigtes Menière-Syndrom oder nicht. Die Lektüre ist dicht, aber kurz (87 Seiten); der klinische Beitrag ist beträchtlich. Das Werk erinnert opportun daran, dass das menschliche Ohr nicht bloß ein Hörorgan ist; es ist die schwingende Antenne der gesamten Kommunikation.
Verfügbar in Bibliotheken — BnF, Sudoc.