Nous sommes tous nés polyglottes (1991)
Kampfessay, 1991 bei den Éditions Fixot erschienen, in Zusammenarbeit mit Loïc Sellin verfasst. Tomatis verteidigt darin eine These, welche die Frankophonie ebenso zu ärgern wie die Sprachenlernenden zu erfreuen vermag: wir sind alle als Polyglotten geboren, aber unser Ohr schließt sich allmählich in die Frequenzen unserer Muttersprache ein, was den Zugang zu den anderen Sprachen mühsam macht. Die auditive Wiedererziehung — durch das Elektronische Ohr — erlaubt, dieses universelle „ethnische Ohr" wiederzufinden. Eine Revolution für den Unterricht der lebenden Sprachen.

„Der einzige ‚wunderbare’, das heißt in seinem Sinn unerklärliche Aspekt der Sprache ist die Angeborenheit der Rede. Diese aber ist universell. Sie setzt also keine Hierarchie zwischen den Menschen."
— Einleitung
Vorstellung
1991: das Englische setzt sich überall in Europa durch, das Französische tritt zurück, und die Franzosen — so Tomatis — verschanzen sich hinter dem Mythos der „Sprachenbegabung", um ihren beharrlichen Monolinguismus zu entschuldigen. Diese Begabung existiert jedoch nicht als reserviertes Privileg: „wir sind alle als Polyglotten geboren". Der Säugling verfügt nämlich über ein auditives Frequenzband, das beträchtlich breiter ist als jenes des Erwachsenen. Er kann die Phoneme aller menschlichen Sprachen hören — und somit hervorbringen. Was ihn zum Monolinguismus verurteilt, ist die allmähliche Einschließung seines Ohrs in die charakteristischen Frequenzen seiner Muttersprache.
Der Beitrag Tomatis’ lässt sich in einem Begriff fassen: das ethnische Ohr. Jede Sprache besitzt ein charakteristisches Frequenzband: 1 000–2 000 Hz für das Französische, 2 000–4 000 Hz für das britische Englische, 80–12 000 Hz für das Russische (das breiteste Ohr Europas). Wenn ein Franzose versucht, Englisch zu lernen, hört sein Ohr die für diese Sprache eigenen hohen Frequenzen nicht; er kann sie also weder korrekt hervorbringen noch korrekt analysieren. Folge: er hat „das Ohr verschlossen" gegenüber dem Englischen.
Die Lösung ist nicht pädagogischer, sondern physiologischer Natur: das Frequenzband des Ohrs des Lernenden zu den Frequenzen der angestrebten Sprache zu erweitern. Eben dies tut das Elektronische Ohr. Die audio-vokalen Übungen führen in wenigen Wochen zu einer tiefgreifenden Veränderung der phonetischen Kontrolle. Das Subjekt erwirbt die phonetische — und sogar psychologische — Haltung, welche die fremde Sprache verlangt, unabhängig von der pädagogischen Methode, die im Übrigen verwendet wird.
Inhaltsverzeichnis
-
Einleitung — die „Niederlage" des Französischen, der Mythos der Sprachenbegabung.
-
Das Ohr des Säuglings, ein universelles Ohr — was ein Säugling zu hören vermag.
-
Die Einschließung in die Muttersprache — wie sich das Ohr allmählich verschließt.
-
Das ethnische Ohr — Frequenzbänder der wichtigsten europäischen Sprachen (Französisch, Englisch, Russisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch).
-
Das Elektronische Ohr im Dienst der Sprachen — Protokolle, Dauer, Ergebnisse.
-
Zeugnisse und klinische Fälle — Ingenieure, Diplomaten, Studierende.
-
Auf dem Weg zu einer ergänzenden Pädagogik — wie das gefilterte Zuhören in ein klassisches pädagogisches Dispositiv zu integrieren ist.
Stellung im Werk
Das vorliegende Werk verlängert und ergänzt für ein breites Publikum die bereits in den 60er Jahren veröffentlichten Forschungen (vgl. L’Effet Tomatis et l’Oreille Électronique pour l’acquisition des langues vivantes, 1960, bereits auf dieser Website verfügbar). Es schreibt sich in die für ein breites Publikum bestimmte Vierergruppe 1988–1991 ein: Les Troubles scolaires (1988, Schule), Neuf mois au paradis (1989, Pränatales), Pourquoi Mozart ? (1991, Musik) und Nous sommes tous nés polyglottes (1991, Sprachen). Vier Schlüsselbücher für vier Schlüsselpublika.
Das Wesentliche
Unentbehrliche Lektüre für jede Lehrkraft fremder Sprachen, für jeden Auslandsentsandten, der mit der akustischen Mauer einer neuen Sprache konfrontiert ist, für jeden Studenten, der sich am englischen „th" oder am russischen „ы" erschöpft. Tomatis liefert hier eine einfache physiologische Erklärung für eine Blockade, die Jahrzehnte der Pädagogik nicht haben aufheben können. In die Bibliothek jeder Sprachschule zu stellen, die etwas auf sich hält — neben den Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen, den es nützlich ergänzt.
Verfügbar in Bibliotheken — BnF, Sudoc.