Sonderdruck zur Darstellung des Tomatis-Effekts, gezeichnet von Professor Louis Longchambon, emeritiertem Professor der Universität. Dieser kurze Text (vier Seiten, bibliographische Signatur 610.221-1) bildet eine der ersten öffentlichen Fassungen der drei Grundgesetze Alfred Tomatis’: Die Stimme enthält nur das, was das Ohr hört; gibt man dem traumatisierten Ohr die korrekte Wahrnehmung der Frequenzen zurück, so wird die Phonation augenblicklich wiederhergestellt; jede dem Hören künstlich auferlegte Veränderung überträgt sich auf den Phonationsapparat.

DER TOMATIS-EFFEKT

In der Ausübung der Arbeitsmedizin wurde Dr. Tomatis zu jenen Entdeckungen geführt, die heute seinen Namen tragen und die Beziehungen zwischen Phonation und Hören betreffen, ebenso wie die Möglichkeit, sowohl die eine als auch die andere dieser wesentlichen Funktionen zu berichtigen.

Bei der Untersuchung von Arbeitern, die infolge langer Aufenthalte in der Nähe lärmender Maschinen an Berufsschwerhörigkeit litten, beobachtete Dr. Tomatis, dass die Schädigungen des Ohres stets von einer gewissen Verformung der Stimme begleitet waren. Daraufhin warf er die Frage auf, ob nicht das verformte Hören die Ursache der Verformung der Stimme sei.

Indem er die Hörfehler, die sich durch eine verminderte Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Frequenzen äußern, genauer untersuchte, stellte er fest, dass eben jene Frequenzen, die vom Ohr schlecht gehört wurden, in der Stimme des Subjekts defizient waren. Dies war die erste grundlegende Entdeckung, das erste Tomatis’sche Gesetz, das er folgendermaßen formulierte: Die Stimme enthält nur das, was das Ohr hört.

Tomatis wies in der Folge nach, dass die schlecht gehörten Frequenzen, sobald man dem traumatisierten Ohr die Möglichkeit ihrer korrekten Wahrnehmung zurückgibt, sich augenblicklich und ohne Wissen des Subjekts in der phonatorischen Hervorbringung wiederherstellen. Das ist das zweite Tomatis’sche Gesetz.

Das dritte besteht in der Verallgemeinerung dieser audio-phonatorischen Beziehung, angewandt auf normale Ohren. Man kann es so ausdrücken: Das Ohr zwingt dem Phonationsapparat jene Veränderungen des Hörens auf, die man ihm künstlich auferlegt.

Zu diesem Zweck lässt Tomatis ein Subjekt mit normalem Hören vor einem Mikrophon sprechen, das mit zwei Kopfhörern verbunden ist, die auf den Ohren des Subjekts angebracht sind. Das Subjekt hört dann seine eigene Stimme ohne Veränderung, und der unabhängige Beobachter stellt keine Veränderung seiner stimmlichen Hervorbringung fest.

Tomatis schaltet zwischen das Mikrophon und die Kopfhörer einen Verstärker, ausgestattet mit einem System von Filtern, durch das er das akustische Spektrum der dem Subjekt übermittelten Stimme verändern kann. Sogleich verändert sich das akustische Spektrum der hervorgebrachten Stimme in derselben Weise, wie es in der gehörten Stimme soeben verändert wurde, und zwar ohne Wissen des Subjekts, und der unabhängige Beobachter nimmt es wahr.

Wird etwa ein Engländer dem Audiometer unterzogen und vermindert man wahlweise die Intensität der hohen Obertöne, so hört man die Nasalität des vom Subjekt hervorgebrachten Klanges zunehmen, und man vernimmt augenblicklich den amerikanischen Akzent. Dieses Beispiel ist im übrigen ein offenkundiges Anzeichen dafür, dass hier die auditive Ursache angerufen wird.

Dr. Tomatis hat sich sodann vorgenommen, zu untersuchen, unter welchen Bedingungen das Ohr den Gewinn aus der Erfahrung bewahren und seine Übung durch eine künstliche Anregung fortschreitend verbessern könne; und auf diese Frage antwortet die Lehre Tomatis’, indem sie behauptet, dass das erzwungene Hören, abwechselnd unterhalten und ausgesetzt, dahin gelangt, sowohl das Hören als auch die Phonation auf dauerhafte Weise zu verändern. Man erahnt unschwer, dass diese letzte Feststellung die Therapeutik in Richtung der Wiedererziehung des Hörens bei den Opfern der Berufsschwerhörigkeit und in Richtung einer Technik zur Berichtigung der gesprochenen wie der gesungenen Stimme orientiert.

Doch der Versuch, diese Gesamtheit der Phänomene zu deuten, ist, sobald das Subjekt einen komplexeren Fall darstellt — beispielsweise den Vokal E —, läßt das Gerät den veränderten Vokal E’ hören, der in Form eines Nervenimpulses zur auditiven Hirnregion übertragen wird. Diese Information wird sogleich in eine Anordnung der Phonation verwandelt, welche die stimmliche Ordnung E’ an die Stelle der vom Subjekt spontan hervorgebrachten stimmlichen Ordnung E setzt.

Unter der Wirkung der empfangenen Anordnung passen die Nerven, welche die Muskeln des Phonationsapparates befehligen — d. h. des Kehlkopfes, der Mundhöhle, der Zunge und der Lippen —, diesen Apparat so an, dass die Hervorbringung E zustande kommt, und zwar außerhalb des Bewusstseins und des Willens des Subjekts.

Doch die Dinge gehen viel weiter. Es ist bekannt, dass es ein bevorzugtes Ohr gibt, in der Regel das rechte, dessen Informationen vom hervorbringenden Vorgang genau befolgt werden. Nun aber gestattet es die Anordnung Dr. Tomatis’ dem rechten Ohr, in wenigen Sitzungen seinen Vorrang als führendes Ohr zurückzuerlangen. Dieses Ergebnis wird leicht durch die Untersuchung der für jedes Ohr kennzeichnenden Audiogramme bestätigt.

Und der Gewinn eines guten führenden Ohrs wie eines guten Hörens im allgemeinen ist sehr bedeutend; man hat beispielsweise beobachtet, dass viele zurückgebliebene Kinder die Diagnose von Gegenständen, die sie schlecht zu den Schulübungen bringen, entweder einem mangelhaften Hören oder einem unzureichend spezialisierten führenden Ohr verdanken. Eben deshalb stellt man bei diesen Kindern eine rasche, automatische Veränderung von einem Typus fest, der ihre auditive Unzulänglichkeit verbessert, so sehr, dass sie auf der intellektuellen wie auf der psychologischen Ebene verwandelt erscheinen.

Was die Geschichte des Stotterns angeht, so veranschaulicht sie die Bedeutung des Tomatis-Effekts. Es ist bekannt, dass, wenn man vor dem Echo seiner eigenen Stimme spricht, das Echo so lange ohne Wirkung bleibt, wie die Verzögerung zwischen der Hervorbringung der Stimme und der Rückkehr des Echos zu groß ist, als dass keine Verwirrung entstünde. Sobald aber die Verzögerung abnimmt und in die Größenordnung einiger Zehntelsekunden gelangt, tritt bei jeder normalen Person ein unbezwingliches Stottern auf. Das Phänomen wird praktisch augenblicklich erzielt. Befindet sich der Aufnahmekopf einige Dutzend Zentimeter vom Tonband entfernt, so hört sich der Redner mit einigen Zehnteln einer Sekunde Verzögerung gegenüber der Aufzeichnung — und er stottert.

Dr. Tomatis hat sich daraufhin gefragt, ob dieser Mechanismus bei Stotternden in Anspruch genommen werden könne und ob in deren System des Hörens und der Phonation eine bestimmte Verzögerung aufzufinden sei. Er hat zu diesem Zweck hundert Stotternde untersucht. Neunzig waren Rechtshänder, zehn waren Linkshänder. Die neunzig Rechtshänder hatten als führendes Ohr das linke Ohr. Die zehn Linkshänder hatten als führendes Ohr das rechte Ohr — beide Gruppen also im Widerspruch zum normalen Sachverhalt.

Dr. Tomatis stellte daraufhin folgende Überlegung an: Im normalen System des Hörens und der Phonation überträgt das rechte Ohr des Rechtshänders, das führende Ohr, die Information an das linke Gehirn, das seinerseits den Befehl an das Phonationssystem übermittelt. Das geschieht in der Zeit t. Hat aber der Rechtshänder als führendes Ohr das linke, so überträgt dieses die Information an das rechte Gehirn. Nun ist es aber beim Rechtshänder das linke Gehirn, das das phonatorische Organ tatsächlich befehligt, und die obige Zeit t verlängert sich um die Zeit T, die notwendig ist, damit die Information vom rechten zum linken Gehirn übergeht. Es ist diese Verdoppelung des Kreislaufs rechtes Gehirn / linkes Gehirn, welche die für das Stottern verantwortliche Verzögerung erzeugt: mit links als führendem Ohr stottert man. Indem nun Dr. Tomatis durch wenige Sitzungen das Stottern beim Stotternden endgültig zum Verschwinden bringt, stellt er das rechte Ohr in seiner Rolle als führendes Ohr wieder her.

Angesichts so bedeutender und so stark aufeinander abgestimmter Erkenntnisse darf man hoffen, dass neue Forschungen es gestatten werden, durch die geregelte Erweiterung des auditiven Phänomens bei bestimmten beeinträchtigten Subjekten — und oft ohne ihr Wissen — die verbesserte oder selbst neuartige Erschließung bestimmter zerebraler Zonen zu erzielen, die bisher schlecht oder gar nicht genutzt wurden. Man erahnt daran den Reichtum des Tomatis-Effekts, zunächst und mit Sicherheit hinsichtlich des Vorgangs des Hörens und der Phonation, doch vielleicht auch hinsichtlich bestimmter Vorgänge der Erkenntnistätigkeit.

Louis LONGCHAMBON,
Emeritierter Professor der Universität.


Quelle: Separatdruck, bibliographische Signatur 610.221-1 (Reliure A. Vallée Imp., Paris), 4 Seiten, um 1952. Digitalisiertes Dokument aus dem persönlichen Archiv Alfred Tomatis’.