Die Stimme (1962)
Die Stimme (1962) — Psycho-physiologische Untersuchung der gesprochenen und gesungenen Sprache
Grundlegender Beitrag Alfred Tomatis’ (1962), gewidmet der menschlichen Stimme, betrachtet als audio-vokaler Servomechanismus. Auf neunzehn dichten, mit dreizehn Abbildungen illustrierten Seiten entfaltet er seine vollständige Theorie der phonatorischen Regelung — Selbstinformationsschleife, führendes Ohr, transzerebrale Übertragung, Zeit-Adapter und Verstärkungs-Adapter — und zieht daraus die Folgerungen für das Verständnis des Stotterns, der Dysphonie, der vokalen Alterung, der auditiven Skotome und des musikalischen Hörens. Diese Darlegung bildet, vor dem Erscheinen seiner zusammenfassenden Werke, die vollständigste Aussage der servo-mechanischen Physiologie der Stimme nach Tomatis.
Die Stimme
von Dr. Alfred Tomatis
Sonderdruck, S. 225-243 (1962).
Einleitung
Die Stimme bietet eine solche Kraft des Heraufrufens, der Transzendenz, dass sie in ihrer Untersuchung sehr verschiedene Disziplinen ins Spiel bringen kann. Damit sie sei, bedurfte es einer wunderbaren Konditionierung, gebildet aus einer psycho-physiologischen Akkommodation, die einen weitgehend differenzierten Servomechanismus in Werk setzt. Die Stimme zu untersuchen heißt, das innige Spiel jener Elemente zu erfassen suchen, welche ihre Hervorbringung, ihre Unterhaltung und ihre Kontrolle gewährleisten.
I. — Der audio-vokale Servomechanismus
Der stimmliche Akt geht aus einem zyklischen Schema hervor: ein kortikaler Akt befehligt das Phonationszentrum, welches die Phonationsorgane in Tätigkeit setzt; der hervorgebrachte Klang verbreitet sich in der Luft, gelangt zum Ohr, das ihn an das Hörzentrum übermittelt; dieses informiert seinerseits durch Selbstinformation den Kortex. Die Schleife ist so geschlossen und gestattet die fortwährende Selbstregelung der Hervorbringung.
[Abb. I — Servo-mechanische Schleife: kortikaler Akt → Phonationszentrum → Phonationsorgane → Luft → Ohr → Hörzentrum → Selbstinformation → Kortex.]
Die erste Etage dieser Kontrolle ist das Ohr. Auf ihm ruht die Gesamtheit der Regelung. Jede diesem Aufnehmer auferlegte Veränderung zieht augenblicklich eine Veränderung der stimmlichen Geste nach sich.
II. — Die Asymmetrie: das führende Ohr
Weit davon entfernt, symmetrisch zu sein, ist das auditive System lateralisiert. Ein Ohr übt eine führende Rolle aus: das rechte beim Rechtshänder, das linke beim Linkshänder. Auf diesem Ohr ruht hauptsächlich die Regelung der Phonation.
[Abb. II — Selbstinformations-Kreis beim Rechtshänder: rechtes Ohr (O.D.) → linkes Hörzentrum (C.A.G.) → Phonationszentrum (C.P.).]
Wenn das führende Ohr das Ohr derselben Seite wie die phonatorische Lateralität ist, oder wenn die Rollen umgekehrt sind, gerät der Kreis aus dem Gleichgewicht und die Regelung verändert sich.
[Abb. III — Aus dem Gleichgewicht geratener Kreis: linkes Ohr dominant bei einem Rechtshänder — die Bahn geht nicht mehr normal durch das kontralaterale Hörzentrum.]
Die experimentelle Unterdrückung des führenden Hörens — durch Verstopfung, Maskierung oder Verzögerung — zieht alsbald bedeutende Störungen der Phonation nach sich.
III. — Der Zeit-Adapter
Die Regelung setzt eine sehr kurze transzerebrale Übertragungsverzögerung voraus. Für die französische Silbe, deren mittlere Dauer in der Größenordnung von 0,15 Sekunden liegt, muss diese Verzögerung deutlich darunter bleiben, da sonst die zurückkehrende Information außerhalb der nutzbaren Zeit eintrifft: die Phonation engagiert sich blind. Genau dies ist die Situation des experimentellen delayed feed-back: man verzögert auf elektronischem Wege die Rückkehr des Klanges zum Ohr des Subjekts, und man beobachtet, dass das Stottern eintritt, sobald die Verzögerung bestimmte Grenzen überschreitet.
Die Experimente von Lee, Black, Azzo und Azzi haben es erlaubt, diese Schwellen zu umreißen:
-
Verzögerung T < 0,05 s: keine nennenswerte Störung;
-
0,05 s < T < 0,10 s: hervorgerufenes Stottern;
-
0,10 s < T < 0,20 s: Unterdrückung des führenden Relais; das Subjekt stottert oder verliert den Faden seiner Hervorbringung;
-
T > 0,20 s: die Stimme setzt sich normal fort, da die auditive Rückkehr nicht mehr als Regelungsinformation aufgenommen wird.
[Abb. IV — Schema der experimentellen Verzögerung zwischen Eingang E und Ausgang S, das die kritische Zone 0,10-0,20 s aufweist, in der die Regelung zusammenbricht.]
Das pathologische Stottern gibt diese Funktionsstörung ohne äußere Vorrichtung wieder. Es übersetzt einen Mangel des führenden Hörens: das Ohr informiert nicht mehr rechtzeitig. Das Einsetzen eines Zeit-Adapters in den Kreis gestattet es, diese Verzögerung zu berichtigen und oft das Symptom verschwinden zu lassen.
[Abb. V — Servo-mechanisches Schema mit Zeit-Adapter und Verstärkungs-Adapter, in die Rückkehrschleife eingeschaltet.]
IV. — Der Verstärkungs-Adapter
Der Zeit entspricht eine zweite Größe: die Verstärkung. Die Phonation setzt nicht nur voraus, dass das Hören rechtzeitig zurückkehrt, sondern auch, dass es auf einem geeigneten klanglichen Niveau zurückkehrt. Zu stark, überschwemmt es den Kreis und verfälscht die Regelung; zu schwach, lässt es die Hervorbringung ohne Kontrollinformation.
Zwei Aufnehmer C1 und C2, welche die beiden Ohren darstellen, teilen sich diese Kontrolle. C1, dessen Weg kurz ist, trifft sehr rasch ein; seine Würdigung regelt die Intensität, die Klangfarbe und gestattet eine Integrations-Kontrolle. C2 bringt einen ergänzenden Faktor — einen Zeitfaktor, eine Verzögerung —, der eine dritte Dimension in Erscheinung treten lässt: das klangliche Relief.
[Abb. VI — Gleichzeitige Darstellung der beiden Bahnen: E → S mit C1, C2 und den Hörzentren C.A.1, C.A.2 und dem Phonationszentrum C.P.]
[Abb. VII — Zeitliche Profile des Eingangs E und der beiden Aufnehmer C1 und C2, die den zeitlichen Vorsprung von C1 auf C2 zeigen.]
Ein Ungleichgewicht der beiden Aufnehmer — übermäßige Erhöhung der Verstärkung des einen oder des anderen — droht dem Signal zu viel Bedeutung zu verleihen, das sodann die Führung der Regelung übernimmt.
[Abb. VIII — Anatomisches Schema mit gekreuzten sinnlichen Bahnen zwischen Ohren und Hörzentren und direkten Bahnen geringerer Bedeutung, die die wechselseitigen Gegenrückwirkungen von C1 und C2 veranschaulichen.]
Das klangliche Relief beruht teilweise auf der Gegenwart zweier Ohren; doch man kann es mit einem einzigen Ohr wahrnehmen, mit weniger Leichtigkeit, aber gleichwohl mit Gewissheit — denn neben den gekreuzten sinnlichen Bahnen (jedes Ohr mit dem entgegengesetzten Hörzentrum verbunden) gibt es direkte Bahnen geringerer Bedeutung, welche die wechselseitigen Gegenrückwirkungen der beiden Aufnehmer gewährleisten.
Ohne ins mathematische Detail zu gehen, kann man schreiben — für die Formel, welche die Verstärkung G und die Zeit T der Aufnehmer im umgekehrten Sinn verbindet —, dass es ein Gesetz vom Typ G·T = Konstante gibt. Der Bruch der Verstärkung oder der Bruch der Zeit eines der Aufnehmer schließt benachbarte Störungen ein: keine Verstärkung, kein Relais; zu viel Verzögerung, dasselbe. Der Schwerhörige, der sich zu stark zuhört, schließt sich so in eine umgeleitete Selbstinformation ein und kippt in das Verstummen.
V. — Volumen, Integration, Analyse
Über die Regelung hinaus übt das Hören zwei gleichzeitige Funktionen aus: eine umfassende Integration, die zerlegt und kontrolliert, und eine ausführlichere, feinere Analyse, die sich über ein weites Klangband erstreckt und eine längere Zeit erfordert. Durch die Kombination dieser beiden Funktionen und durch ihr differentielles Spiel entstehen die wahrgenommenen Dimensionen des Klangs: Intensität, Klangfarbe, Höhe und das, was Tomatis Volumen nennt — Beitrag einer dritten Dimension, das Relief.
Aus diesem System ergibt sich naturgemäß die Charakterisierung der Hörweisen des Sängers: Tenor, Bariton, Bass entsprechen je einem spezifischen Hör-Modus, einem eigenen Durchlassband, einem besonderen Typ der Selbstkontrolle.
VI. — Normales Audiogramm und musikalisches Hören
Die klinische Diagnose stützt sich auf das Audiogramm. Mit Hilfe eines Audiometers — einer Art elektronischer Stimmgabel, deren Intensitäten nach Belieben dosiert werden können und das es gestattet, die tatsächliche Affinität für bestimmte Felder des Hörens zu würdigen — ist es möglich, bei einem Einzelnen ein Sänger-Ohr zu charakterisieren.
Die Audiogramme der Musiker zeichnen eine besondere Silhouette: Zone zwischen 500 Zyklen/Sekunde und 2 000 Zyklen/Sekunde (in etwa das mittlere C und das C der Flöte). Es ist möglich, dort ein Überhören zu unterscheiden. Die normale audiometrische Kurve soll linear sein: dies ist eine der angenommenen Normen.
[Abb. IX — Typisches normales Audiogramm: lineare Kurve von 125 bis 8 000 Hz.]
[Abb. X — Typisches Audiogramm des Musikers: Anstieg in der Zone 500-2 000 Hz, Steigung von mindestens 6 Dezibel/Oktave, d. h. ein Gewinn von 10 % der auditiven Empfindlichkeit pro Oktave.]
[Abb. XI — Auditive Schwäche, die eine falsche Wiedergabe kennzeichnet.]
[Abb. XII — Schema eines vollkommen musikalischen Hörens.]
Musiker zu sein, im weitesten Sinn des Wortes, das heißt richtig zu hören und richtig wiederzugeben, impliziert nicht zwingend, dass man Klänge von Qualität hervorzubringen vermag. Es gibt im Hören, oder genauer in der auditiven Empfindlichkeit des Subjekts, eine Zone der Würdigung der Qualität des hervorzubringenden Klangs. Diese sensationelle Zone gestattet es nach Belieben, fast die Gesamtheit der für die Wiedergabe jeglicher klanglichen Qualität unentbehrlichen auditiven Informationen zu überlagern, zu filtern oder zu codieren.
Hören und Register entsprechen demselben Problem: die verschiedenen Kontrollmodi, die verschiedenen diaphragmatischen tatsächlich verschieden geöffneten Ein-Stellungen bestimmen die jedem Hör-Modus innewohnenden Durchlassbänder (Tenor, Bariton, Sopran, Mezzo, Alt usw.). Zusammenfassend: Musiker zu sein heißt schlicht, beim Zuhören einen auditiven Detektor zu haben, der in seiner Antwortkurve ungewöhnlich präzise und mit besonderem Hervortretungs-Vermögen für diesen oder jenen Klang ausgestattet ist.
In anderer Ordnung der Ideen hat es die Experimentation gestattet, mit Genauigkeit die den verschiedenen Nationalitäten eigenen Selektivitätsbänder, ihre Merkmale festzustellen, und so wurden wir dazu geführt, daran zu denken, dass es Anpassungen des Hörens an die umgebende Welt gebe — insbesondere an die Impedanzen der Luft. Der zurückbehaltene plastische Faktor ist nicht die akustische Resonanz; es ist wohl die Dämpfung. Im akustischen Bad der Umgebung — Resonanz und Dämpfung, mehr oder minder stark — muss sich das Ohr anpassen und davon die physikalisch-akustischen Qualitäten maximal nutzen.
VII. — Alterung, Lärm, vokale Skotome
Doch dieses Hören, diese auditive Permeabilität, von der wir gerade gesprochen haben — kann sie nicht verändert werden? Gewiss, unter dem Einfluss zahlreicher Faktoren — insbesondere mit dem Alter — verengt sich das Hörfeld, das Band der Selbstkontrolle reduziert sich auf die gute Wahrnehmung der Tiefen, und die Stimme folgt getreu dem Ohr, das starr wird. Doch ist nicht nur das Alter, das das Ohr entstellt: es gibt den Lärm, gesellschaftliche Geißel der jüngsten Zeit, der zerstört, das Hören altern lässt, dessen auditive Kurve entgliedert, die Schmerzen verstümmelt, die Wahrnehmung der Tiefen reduziert, die Beziehungen mit dem Außen blockiert, die Permeabilität der Information verliert, die Qualität der Selbstinformation reduziert, das Subjekt von der umgebenden Welt entstimmt.
Diese so spezifische Zerstörung, Zeugnis der Aggressivität des Lärms auf das Hören, übersetzt sich durch eine Desorganisation der auditiven Kurve, die aufhört, linear zu sein, um eine V-förmige Einkerbung erscheinen zu lassen, die auditives Skotom genannt wird, deren Sitz sich unmittelbar zu den Höhen hin einrichtet, auf der Höhe von 4 000 Hertz. Die Experimentation hat enthüllt, dass dieses auditive Skotom systematisch eine Veränderung der vokalen Klangfarbe begleitete, die sich durch das Erscheinen eines vokalen Skotoms kennzeichnet, auf der Höhe derselben Frequenzen wie das durch die spektrale Analyse — das heißt die harmonische Analyse der Stimme — erhaltene Diagramm.
[Abb. XIII — Spektrale Kurve der Stimme, die das vokale Skotom bei 4 000 Hz zeigt, im Verhältnis zum Audiogramm des Subjekts, das dieselbe Einkerbung enthüllt.]
Schluss
Wir wurden so dazu gebracht zu denken und sodann wissenschaftlich zu prüfen, dass jedes vokale Bild sein entsprechendes audiometrisches Bild in der Frequenzskala hat. Wir konnten infolgedessen in unseren Versuchen behaupten, dass „ein Subjekt nur jene Klänge hervorbringt, die es zu hören vermag". Diese Feststellung, von großer Bedeutung, gestattet es uns, nach dem aufgenommenen vokalen Spektrum die Hörweise des hervorbringenden Subjekts mit Gewissheit zu erkennen. Mit Hilfe eines Aufnahmegeräts können wir im Labor in jedem Augenblick, am Rande einer Karriere, das auditive Verhalten eines Einzelnen feststellen, besser noch: den Klang selbst seiner stimmlichen Hervorbringung.
Im Besitz dieses innigen Elements, das der Kontrolle eines jeden Subjekts eigen ist, konnten wir in der Folge dank elektronischer Filterspiele das Hören des Subjekts nach Belieben verändern und so einer augenblicklichen Verwandlung seiner Stimme, seiner stimmlichen Geste, seiner Haltung, seines Verhaltens beiwohnen.
Die tiefen Veränderungen, konditionierten Reflexe, die solche Verfahren auslösen, verdienten gründlicher untersucht zu werden, doch würden sie uns in diesem Artikel zu weit fortreißen. Wir werden daraus nur die erheblichen Bereicherungen festhalten, die sie der Soziologie der Sprache, der Untersuchung des Lebens und der Verwandlung der Wörter, den menschlichen Beziehungen, jeder Information bringen können.
In diesem Rahmen können wir die Untersuchung der Psycho-Physiologie der Musik als einer Sprache einschreiben, die eine klangliche Information ausnutzt.
Es war zu kurz, vielleicht ein wenig kühn, die Untersuchung der menschlichen Stimme anzugehen, am Anfang eines Artikels, der nur eine Zusammenfassung sein konnte und von dem jede der in Anspruch genommenen Rubriken eine weit umfassendere Entfaltung verlangen würde. Wir bleiben gleichwohl überzeugt, dass dieser Rundblick zumindest eine Einführung in die gegenwärtigen Forschungsarbeiten zur experimentellen Phonologie und das breite Spektrum ihrer Anwendungen, insbesondere im Bereich der Wiedererziehung, erlaubt haben wird.
Dr. Alfred Tomatis
Quelle: Tomatis A., „La Voix", Sonderdruck, 1962, S. 225-243 (interne Paginierung 5-23). Digitalisiertes Dokument aus dem persönlichen Archiv Alfred Tomatis’. Dreizehn referenzierte Abbildungen (Abb. I bis Abb. XIII) begleiten den ursprünglichen Text.