„Wir sprechen mit unserem Ohr"
„Wir sprechen mit unserem Ohr" — Die Rolle des Ohrs in der Entwicklung des menschlichen Wesens (SON Magazine Nr. 30, September 1972)
Erstes Interview der von Alain Gerber mit Professor Alfred A. Tomatis geführten Reihe in der monatlich erscheinenden Zeitschrift SON Magazine (Paris). Veröffentlicht in der Nr. 30 — September 1972 — unter dem Titel „Wir sprechen mit unserem Ohr". Mehr als ein klassisches Interview ist dieses erste Stück ein einführendes Porträt: Gerber erzählt die Entstehung der Forschungen Tomatis’ (der erste Patient — ein Sänger, dem die Stimme auf der Bühne wegbricht; die Arsenaux de l’Aéronautique; die Analyse der Caruso-Stimme; die Entdeckung des führenden Ohrs über Beniamino Gigli und Daniel Sorano), die Geburt des „Tomatis-Effekts", der 1957 der Académie nationale de médecine mitgeteilt wurde, und jene des Elektronischen Ohrs („eine Erfindung aus Bindfadenresten", die ab 1954 zum reifen klinischen Gerät wurde). Bereits angelegt sind die grossen Kapitel des tomatisschen Denkens: ethnische Ohren, Sprachenlernen, Legasthenie („man liest mit dem Ohr") und klangliche Geburt für die der Sprache nicht geborenen Kinder.
Zeitschrift „SON" — Nr. 30 — September 1972
Die Rolle des Ohrs in der Entwicklung des menschlichen Wesens
Alfred A. TOMATIS: „WIR SPRECHEN MIT UNSEREM OHR"
Interview, aufgezeichnet von Alain Gerber
Vorstellung
Er beruhigt die Geängstigten, besänftigt die Nervösen, balanciert die Labilen aus, hilft, Fremdsprachen aufzunehmen. Er bekämpft die Überarbeitung, das Stottern, das Pfeifen im Ohr und die Rechtschreibfehler. Er lässt richtig singen, lehrt gut zu lesen, richtet schwache Willen wieder auf und gibt jenen, die es verloren haben, das Gedächtnis zurück. Man sagt zuweilen, er lasse Taube hören; man hat sogar geschrieben, er mache Kinder intelligent…
Dieser Wunderdoktor, das ist Professor Alfred Tomatis. Forscher, Erfinder, Theoretiker — er ist vor allem Therapeut. Sein Bereich, sein Erfahrungsfeld, seine Leidenschaft: das Ohr. Vielleicht geht nicht alles davon aus, aber welch eine Kreuzung, welch ein Weichenposten! Treten Sie ein in das Labyrinth, mit Alain Gerber.
Der Mann und das Werk
Von aussen ist es, wenn man einem so aufsehenerregenden Leistungsverzeichnis gegenübersteht, sehr schwer, die Fiktion von der Wirklichkeit zu scheiden. Wo beginnt die Legende? Wo enden die wirklichen Kräfte dieses Mannes? Manche seiner Gegner machen kurzen Prozess: nichts von alledem ist wahr, oder so wenig wie nichts! Während dieser Zeit sind seine Anhänger ohne Weiteres bereit zu beschwören, dass er Wunder vollbringe. All dies bringt Alfred Tomatis zum Lächeln, der weder über die einen noch über die anderen sich täuschen lässt. „Bei mir", sagt er, „gibt es keine Mitte: entweder hält man mich für einen Scharlatan oder für den lieben Gott." Doch behält er einen kühlen Kopf. Er weiss, was er will. Er weiss, was er wert ist. Und überdies gibt es keine Zeit, sie in eitlen Polemiken zu verlieren. Forscher, Erfinder, Theoretiker — sein jüngstes Buch über Éducation et Dyslexie mobilisiert eben das Interesse der Fachleute — Dr Tomatis ist vor allem ein Therapeut. Zuerst lindern, dann erörtern. Man braucht kein grosser Psychologe zu sein, um festzustellen, dass er, wie man sagt, „mit beiden Füssen auf dem Boden steht". „Allein die Tatsachen zählen", notiert er in seinem Buch. Es ist ein Grundsatz, der vereinfachend wirken mag, doch hat er gerade durch peinliche Treue zu ihm alle seine Entdeckungen machen können. Denn Alfred Tomatis — und dies ist eine Einzelheit, die einer Anmerkung wert ist — gehört zu jener Gattung von Forschern, die finden.
Er findet seltsame Dinge, in Wahrheit, recht geeignet, die Arglosen zu verblüffen und die Anhänger der amtlichen Wissenschaft zu beleidigen, die stets darum besorgt sind, die Wahrheiten von vorgestern wie ein Dogma zu bewahren. In den Augen all dieser Leute ist er der Mann der überspannten Hypothesen und der bedenklichen Theorien — jener, durch den das Ärgernis kommt! Er kann nichts daran ändern, also kümmert es ihn wenig. „Ich bin kein Polemiker", vertraut er an. Er zieht es vor, zu arbeiten und immer weiter reichende Folgerungen aus jener Intuition zu ziehen, die er vor schon zahlreichen Jahren hatte und die seinem gesamten Werk zugrunde liegt: der Mensch lebt nicht bloss „mit" seinen Ohren, er lebt „durch" seine Ohren. Sag mir, wie du zuhörst, und ich sage dir, wer du bist… Ich sage dir, wie du fühlst, wie du reagierst, wie du leidest, wo deine Komplexe sitzen, und wie du singst, wie du liest, wie du zeichnest, wie du denkst, wie du dich hältst!
Eben das missfällt vielen seiner Widersacher: mit einem einzigen Sesam in eine Unendlichkeit von Bereichen einzudringen? Es trifft zu, dass man sich vor restlosen Lösungen, vor Allheilmitteln in Acht nehmen muss. Doch bei manchen rührt die Beunruhigung allein daher, dass Tomatis ihnen ins Gehege kommt! Und es ist eine Tatsache: er hat die Jagdrechte nicht geachtet. Er hat Tabus verletzt. Kurz, er stört, Alfred Tomatis. Doch ihn stört das, dem Anschein nach, kaum! Wie Sigmund Freud, dessen Auffassungen er gern heraufruft, denkt er, ein Forscher habe Pflichten gegenüber seiner Wissenschaft, denen wohl wert ist, einige mehr oder minder gut angebrachte Empfindlichkeiten zu opfern.
Der erste Sänger-Patient
„Anfangs", erinnert er sich, „war ich Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Doch ich war auch Sohn eines Sängers. Alles ist davon ausgegangen. Ein Freund meines Vaters, ebenfalls Sänger, suchte mich eines Tages auf: obschon ein Künstler von grosser Klasse, sang er falsch. Er brachte mir die Diagnose eines berühmten Wiener Logopäden mit, der bei ihm den Kehlkopf für überdehnt befunden hatte. Ich machte mich an diese Läsion mit allen Mitteln. Zwei Jahre lang versuchte ich, seine Stimmbänder wieder zu spannen. Schliesslich glaubte ich, es sei mir gelungen: die Stimme fand ihre Richtigkeit wieder. Doch wenig später erstickte mein Klient auf offener Bühne! Bei einem anderen Sänger erfuhr ich kurze Zeit darauf denselben Misserfolg."
Andere wären für immer von der Wiederherstellung überdehnter Kehlköpfe abgeschreckt gewesen; Dr Tomatis zog daraus seine Lehre. Der Kehlkopf, nahm er an, ist sicherlich nicht das, was richtig oder falsch singen lässt. Es blieb zu bestimmen, welches das schuldige Organ sei…
In den Arsenaux de l’Aéronautique
„Damals leitete ich das akustische Laboratorium der Arsenaux de l’Aéronautique. Ich untersuchte die Leute, deren Gehör durch die Arbeit an den Prüfständen der Überschallflugzeuge geschädigt worden war, um festzustellen, ob sie zu entschädigen seien. Ich kam auf den Gedanken, das Gehör der beiden Sänger zu prüfen, und stellte fest, dass es in dem einen wie dem anderen Fall Mängel aufwies. Mängel, die seltsamerweise an das erinnerten, was ich bei den Leuten der Aéronautique beobachtet hatte. Ich fragte mich daraufhin, ob sie nicht ihr Ohr durch das Singen beschädigten. Anfangs war es eine abwegige Hypothese, doch sie erwies sich als fruchtbar."
„Die stimmliche Hervorbringung einer normalen Person übersteigt nie achtzig Dezibel, doch ein durchschnittlicher Berufssänger erreicht in einem Meter Abstand mindestens neunzig Dezibel. Ein grosser Tenor bringt es auf hundertzehn, hundertzwanzig, hundertdreissig! Was ungefähr hundertfünfzig Dezibel im Schädel ergibt. Nun macht ein ATAR-Triebwerk am Boden hundertzweiunddreissig Dezibel: es ist nicht dieselbe Energie, doch dieselbe Ausgangsintensität. Es war daher logisch zu denken, dass diese Sänger, wenn sie falsch sangen, ihr Ohr zerbrochen hatten. Ich folgerte daraus, dass ein Subjekt stimmlich nur das wiedergibt, was es zu hören imstande ist."
Die Geburt des „Tomatis-Effekts"
Dieses Phänomen, das 1957 Gegenstand einer Mitteilung an die Académie nationale de médecine war, ist heute unter dem Namen „TOMATIS-EFFEKT" bekannt. Seine einfachste wissenschaftliche Formulierung lautet: „Der Kehlkopf gibt nur die Obertöne ab, die das Ohr zu hören vermag." Doch der Entdecker sagt zuweilen knapper: „Man spricht mit dem Ohr." Schon dies ist eine kleine Revolution. Doch Tomatis bleibt nicht dabei stehen. Er beschliesst nun, den Weg in umgekehrter Richtung zurückzulegen. Wenn er die Aufnahmen verstorbener grosser Tenöre analysiere, müsse er sich, so denkt er, eine Vorstellung davon machen können, wie sie zu Lebzeiten hörten. So gelangt er dazu, die Hörkurve Carusos festzulegen.
Nur weiss er nur zu gut, dass eine Theorie, die man auf dem Rücken eines Toten errichtet, der nicht mehr da ist, um sich zu verteidigen, nicht alle unentbehrlichen wissenschaftlichen Garantien bietet. Glücklicherweise sind seine Eltern eng vertraut mit einem anderen Grossen der Gesangskunst: Beniamino Gigli. Einige Jahre zuvor hat er dessen Hörkurve berechnet. Indem er sie mit jener vergleicht, die er aus den Schallplatten gewonnen hatte, stellt er eine vollkommene Übereinstimmung fest. Es ist ein weiterer gewonnener Punkt; es werden andere folgen.
Das führende Ohr
Wenn man einen Sänger nimmt und seine Hörkurve untersucht, stellt man fest, dass die Kontrolle, die er über seine Stimme durch seine Ohren ausübt, rechts und links nicht von gleicher Qualität ist. Wenn man ihm nämlich während des Singens die Kontrolle über sein Hören auf der linken Seite entzieht — durch Blendung oder durch Einspielen von Rauschen —, so hört man ihn immer noch ebenso gut singen. Er singt sogar besser! Wenn man hingegen sein rechtes Ohr angreift, verliert er einen grossen Teil seiner Möglichkeiten. Ebenso verhält es sich mit den Musikern. „Wenn ich Francescattis rechtes Ohr berühre, könnte man meinen, er habe ein Stück Holz in der Hand statt einer Stradivari."
Die zu ziehende Folgerung lautet, dass das rechte Ohr das führende ist. Das bedeutet, dass es das rechte Ohr, und es allein, ist, das die Hörkontrolle und die Stimmkontrolle sicherzustellen vermag. Wenn Sie einem Musiker das Hören rechts wirklich verwehren, wird er unfähig, dem Tempo zu folgen; unter denselben Bedingungen wird die Stimme des Sängers dicker, trüber, verliert ihre Richtigkeit. Es kommt sogar vor, dass das Subjekt zu stottern beginnt! „Es ist im Übrigen interessant zu vermerken, dass ich in meiner gesamten Laufbahn nur einem einzigen linkshändigen Sänger begegnet bin, und auch da bin ich nicht sicher, ob er es wirklich war."
Es ist eine der grossen Ideen Alfred Tomatis’: in allen Kulturen sind die Linkshänder die Ausnahme gewesen. Das Interesse eines Einzelnen, in dem Kampf, den er um seine Anpassung an die Welt führt, besteht darin, Rechtshänder zu sein. Nicht nur der Hand und des Fusses, sondern auch des Hörens, der Sprache und des Denkens! „Man muss bis ins Linke rechtshändig sein", pflegt er zu wiederholen.
Von Caruso zum Elektronischen Ohr
Wenn ein Sänger anfängt, falsch zu singen, so ist es also das rechte Ohr, auf das sich die Wiedererziehung wird richten müssen. Es bleibt zu wissen, wie vorzugehen sei. Erneut wird Caruso herangezogen. Dr Tomatis stellt fest, dass dessen Ohr eine ganz besondere Eigenheit aufwies: es liess ihn im Wesentlichen die Klänge guter Qualität hören und fast gar nicht die schlechten. Warum nicht versuchen, den in ihrem Gehör geschädigten Menschen das Ohr des berühmten Sängers zu verleihen? Das lässt sich mittels eines Kopfhörers bewerkstelligen, der dem Subjekt auf den Schädel gesetzt wird. „Das Ergebnis ist unmittelbar: er wird euphorisch, er hat Lust zu singen, alles wird wieder wie zuvor. Das Problem liegt eben darin. Wie ist diese spektakuläre, aber flüchtige Verbesserung dauerhaft zu machen?"
Es galt, eine Maschine zu erfinden, die dem Subjekt erlaubte, allmählich zu lernen, sich selbst zu kontrollieren, wie es ein grosser Berufsmann der Stimme hört. Die in diese Richtung unternommenen Forschungen führten allmählich zur Entwicklung des geeigneten Geräts. „Eine Erfindung aus Bindfadenresten!", bekennt der Doktor lächelnd. Bastelei in der Tat. Die Sache funktionierte von Hand, mittels lärmender Schalter, die selbst der Behandlung im Wege standen. Die ersten Ergebnisse waren gleichwohl nicht entmutigend. Und überdies sollte die Erfindung von allen Fortschritten der Technologie profitieren.
Ab 1954, dank der Einführung elektronischer Kippschaltungen, war dieses künstliche Ohr in der Lage, auf befriedigende Weise zu funktionieren. Es trägt heute den Namen „Elektronisches Ohr mit Tomatis-Effekt"; aber das verdankt es nicht Dr Tomatis. „Das Elektronische Ohr", schreibt dieser, „erlaubt es, eine Konditionierung herzustellen, welche das Ohr zwingt, seine Hörhaltung zu erwerben, durch Trommelfellspannung, dank einer Regelung der beiden Muskeln der Trommelfellpaukenhöhle, der Hammer- und Steigbügelmuskeln, die durch das Spiel der Impedanzanpassungen den Durchgang des Klanges in das Innenohr sichern, dort, wo die Analyse auf der Ebene des ersten zellulären Relais der Entschlüsselung der verbalen Kodierung stattfindet. Es umfasst insbesondere zwei Kanäle, die durch eine elektronische Kippschaltung verbunden sind, welche das Subjekt von einer schlecht akkommodierten Hörweise zu einer angepassten Hörweise führt, während ein weiteres Spiel elektronischer Tore vorzugsweise den rechten Hörkanal freigibt — was nicht heisst, dass der linke Kanal ausgeschaltet sei, wie man meinen könnte, sondern schlicht bedeutet, dass er nicht dieselbe Wachsamkeitsfunktion beim Zuhören ausübt."
Das Ganze wird ergänzt durch ein Mikrofon, Kopfhörer, Verstärker, die auf den beiden Kanälen spielen, sowie eine Klangquelle, die meistens aus einem aufgezeichneten und auf einem Tonbandgerät hoher Qualität montierten Magnetband besteht. Die Behandlung wird zehn Minuten lang fortgesetzt. Am zweiten Tag zwanzig Minuten. Nach einem Monat gibt das Subjekt Klänge ab wie ein Berufsvokalist, weil es konditioniert ist, sich selbst zuzuhören, wie ein Mann hört, dessen Gehör besonders angepasst ist.
Von Daniel Sorano zum Stottern
Anfangs handelte es sich indessen nur darum, Sängern zu helfen, ihrer Kunst Herr zu bleiben oder zu werden. Der Gebrauch der Maschine war also recht eingeschränkt. Ein glücklicher Zufall sollte ihrem Erfinder die ganze Tragweite ihrer Möglichkeiten erahnen lassen.
„Eines Tages", erzählt er, „kam ein grosser Schauspieler zu mir, weil er seine Stimme verloren hatte. Man hatte ihn auf mich verwiesen, weil er ein ehemaliger Sänger war. Ich wusste nichts über die Stimme der Schauspieler. Ich verfuhr also wie bei einem Sänger: ich legte ihm das Ohr Carusos auf. Er begann auf ausserordentliche Weise zu sprechen, und bald war alles wieder in Ordnung. Heute ist dieser Schauspieler verschwunden, doch erinnert man sich noch der Schönheit seiner Stimme: es war Daniel Sorano."
„Während der Behandlung entzog ich ihm das rechte Ohr, um zu sehen, was geschehen würde: ich sah ihn vor mir zu stottern beginnen. In guter Logik fragte ich mich, ob die Stotterer nicht schlicht Menschen seien, die das führende Ohr verloren hatten. Mit dieser Hypothese gewappnet, konnte ich einige von ihnen lindern. Glücklicherweise gab es welche, die der Behandlung widerstanden. Diese Misserfolge bewiesen mir, dass mir noch viele Dinge zu verstehen blieben. Ich beharrte also."
Von da an folgen kleine Funde und grosse Entdeckungen in beschleunigtem Rhythmus aufeinander und reihen sich aneinander wie die Glieder einer gut geführten Beweiskette.
Die venezianischen Sänger und die ethnischen Ohren
Die Stärke Dr Tomatis’ ist, sich nicht mit dem zu begnügen, was er hat. Stets muss er die Folgerungen seiner Beobachtungen und seiner Theorien auf die Spitze treiben. 1954 kommen mehrere venezianische Sänger ihn konsultieren, weil sie das italienische „r" nicht auszusprechen vermögen. Sie sagen alle „l". Nun gelingt es ihnen, diesen Mangel zu beheben, wenn man sie konditioniert, sich selbst wie Caruso zuzuhören. „Ich dachte, dass sie, wenn sie hinsichtlich eines einzigen Buchstabens stumm sind, für diesen Buchstaben taub sein müssten. Ich fragte mich also, ob es nicht eine den Venezianern eigene auditive Selektion gebe. Und wenn es eine den Venezianern eigene gibt, müsste es auch eine den Mailändern eigene geben, eine den Neapolitanern eigene und so fort." So entstand die Idee, dass die verschiedenen Menschengruppen über den Raum hin je ein ganz besonderes, durch sein Selektivitätsband gekennzeichnetes Ohr hatten. Weiter gehende Studien sollten diese Hypothese bestätigen.
Tomatis stellte zum Beispiel fest, dass das italienische Ohr seine Selektivität zwischen 2000 und 4000 Hertz eintrug, während jene des französischen Ohrs zwischen 1000 und 2000 Hz lag… Von da an, sich vorzustellen, dass diese Ungleichheit die Ursache der Schwierigkeiten beim Erlernen der Fremdsprachen sei, war es nur ein Schritt. Er wurde rasch getan. Versuche zeigen, dass manche Kinder, die in allen Fächern gewandt und im Englischen ganz untauglich sind, in Wahrheit taub für diese Sprache sind, wegen einer besonders „engen" auditiven Selektion. Man kann sie von dieser Taubheit befreien, indem man ihnen beibringt, zu hören, wie ein Engländer hört.
„Man liest mit dem Ohr" — die Legasthenie
Die Ergebnisse sind derart spektakulär, dass unser Forscher zur Hilfe gerufen wird, um Sprachlaboratorien einzurichten… Neue Wendung: die so behandelten Kinder werden nicht nur zu guten Anglisten, sondern erbringen Höchstleistungen in den Fächern, in denen sie schon zuvor glänzten! Die Eltern kommen, um Tomatis dazu zu beglückwünschen, und dieser bemerkt, dass ein Satz in ihren Kommentaren regelmässig wiederkehrt: „Mein Sohn liest jetzt viel besser!"
Mehr braucht es nicht, damit sich eine neue Theorie entwirft. Es ist eine der erstaunlichsten von allen, eine der für die skeptischen Geister am schwersten zu schluckenden. Sie hält sich ganz in dieser paradoxen Formel: „man liest mit dem Ohr". „Ja", kommentiert Alfred Tomatis, „das Ohr ist der Königsweg der Sprache. Wie ich in meinem Buch geschrieben habe, ist das geschriebene Zeichen nichts an sich als ein Klang, der wiederzugeben ist, und es scheint nicht überspannt, die Schrift einer Klangaufzeichnung zu vergleichen. Die Schrift erscheint zweifellos als das erste ‚Magnetband’; sie ist jene Speicherung von Klängen, die das menschliche Genie zum ersten Mal in der Geschichte der Kulturen festzuhalten wusste… Das Ohr ist ein Organ, dessen Pavillon allem geöffnet ist, was Sprache ist. Selbst wenn diese Sprache geschrieben ist!"
Unmittelbar erahnt unser Forscher eine praktische Anwendung dieser Idee: die Behandlung der Legastheniker, deren es in Frankreich anderthalb Millionen gibt. Schon mehr als zwölftausend von ihnen sind dank des Elektronischen Ohrs umerzogen worden. Und das Schönste ist, dass die Ergebnisse die Erwartungen übersteigen! Nicht nur macht das Kind Fortschritte im Lesen, sondern es spricht besser, es merkt sich besser, es konzentriert sich stärker, es ist dynamischer, ausgeglichener, es scheint glücklicher zu leben.
Die klangliche Geburt
Das liegt daran, so Tomatis, dass das Einzelwesen eine Einheit ist und dass man das Ohr nicht berührt, ohne das ganze Wesen zu berühren, weil das Ohr das richtunggebende Organ schlechthin ist. Es lässt uns mit der umgebenden Welt, mit den anderen und auch mit unserem eigenen Ich kommunizieren. Es ist möglich, dass es die grundlegende affektive Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind transportiert, wenn dieses noch im Mutterleib badet. Dass die Kommunikation lange vor der Geburt beginnt, das hatten die Psychoanalytiker schon ans Licht gebracht. Alfred Tomatis nimmt den Stafettenstab auf. Er stellt die Hypothese auf, dass „wenn sich die Beziehung zwischen der Mutter und dem Kind in utero nicht verwirklicht hat, die Sprache Gefahr läuft, nicht in Gang gesetzt zu werden, ja zuweilen nicht zu existieren". Das Kind ist der Sprache nicht geboren. Man kann dem abhelfen, indem man — eine fantastische Erfahrung, die von allen Mythen der Science-Fiction widerhallt — eine „klangliche Geburt" verwirklicht: den Übergang vom Hören im Wassermilieu (jenem des Embryos, getaucht in das Fruchtwasser) zum Hören im Luftmilieu. In diesen erstaunlichen Sitzungen sieht man das Kind im eigentlichen Sinne des Wortes „wiedergeboren" werden.
Sprachzentren in der ganzen Welt
Danach ist es nicht zu verwundern, dass man Tomatis vorwirft, den Magier zu spielen, der Versuchung des Zauberlehrlings zu erliegen. Offensichtlich beleidigt er den groben gesunden Menschenverstand in Holzschuhen voller Stroh, der Mann, der durch das Ohr entbindet, lesen, sprechen, singen und lächeln lässt! Welche Anmassungen! Im Übrigen ist es nicht unmöglich, dass der Fortschritt der Erkenntnis manche seiner originellsten Ansichten widerlegt. Das ist das Los aller Forscher: die Wahrheit ist nie vollendet. Aber was tut’s, da er ja erfindet, da er ja vorschlägt, da er ja Fragen stellt, da er ja Spuren eröffnet, da er ja die Apathie der Mandarine aufrüttelt! Was tut’s, da er ja Menschen heilt!
Wie dem auch sei, er schuldet niemandem etwas. Seine Forschungen hat er selbst finanziert, mit dem Geld, das ihm seine Praxis einbrachte. Heute leitet er, am boulevard de Courcelles 68, ein Centre du Langage, das sechshundert Kranke betreut. Jede seiner Maschinen kann täglich zehn bis zwanzig Personen behandeln. Es gibt andere Zentren in der Provinz und im Ausland: in Belgien, in Deutschland, in Kanada und bis nach Südafrika.
Was ihn am meisten verdriesst, ist, dass die Ausbreitung seiner Ideen so langsam und so mühsam verläuft. Doch um die Wahrheit zu sagen, hat er kaum Zeit, sich um die Werbung zu kümmern. Es gibt Dringenderes zu tun. Man sagt, er schlafe sehr wenig: das sieht man ihm nicht an. Was hingegen auffällt, das ist die prachtvolle Sammlung abstrakter Gemälde, die seine Wände ziert. Alfred Tomatis hat auch Augen, um zu sehen. Auf dem Tisch, an dem er seine Mahlzeiten einnimmt, Rohkost, Käse, Früchte. Kein Fleisch. Er raucht auch nicht. „Wussten Sie nicht, dass das dem Ohr schadet?", fragt er, falsch arglos, bevor er seine Tür schliesst.
Stellung dieses Interviews in der Reihe
Dieses Interview ist das erste einer Reihe von fünfzehn, die Alain Gerber von September 1972 bis Dezember 1977 monatlich in der Zeitschrift SON Magazine veröffentlichte. Für das vollständige Inhaltsverzeichnis und den Zugang zu den weiteren Interviews siehe den Mutter-Artikel der Reihe.
Quelle: Alain Gerber, „Le rôle de l’oreille dans le développement de l’être humain — Alfred A. Tomatis: Nous parlons avec notre oreille", SON Magazine Nr. 30, Paris, September 1972. Digitalisierung: Christophe Besson, Juni 2010.