L'oreille et le langage (1963)
Das Gründungsbuch Alfred Tomatis’. 1963 bei Le Seuil in der Reihe „Microcosme — Le Rayon de la Science" erschienen, 1990 neu aufgelegt. Auf diesen 81 Seiten legt Tomatis erstmals für ein breites Publikum die wissenschaftlichen und philosophischen Grundlagen seines gesamten Werkes dar: den Tomatis-Effekt, das Elektronische Ohr, das führende Ohr, die Audio-Psycho-Phonologie. Ein „Abenteuerroman" des Geistes, wie der Verfasser selbst es gerne nennt, der das noch unerschlossene Gebiet der Beziehungen zwischen dem Ohr und dem ganzen menschlichen Wesen urbar macht.

„Der Sprechende ist zugleich der erste Zuhörer seiner eigenen Stimme. In Wahrheit sprechen wir mit unserem ganzen Körper, und insbesondere dank unseres Ohrs."
Vorstellung
Als er 1963 dieses erste Werk bei Le Seuil veröffentlicht, hat Dr. Alfred Tomatis bereits rund fünfzehn Jahre der Forschung hinter sich. Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Sohn eines Sängers, hatte er bei seinen Arbeiten in den Arsenalen der Aéronautique zur Berufsschwerhörigkeit der dem Motorenlärm ausgesetzten Arbeiter eine unerwartete Übereinstimmung mit der Schwerhörigkeit der großen Opernsänger entdeckt. Aus dieser Beobachtung ist der „Tomatis-Effekt" hervorgegangen — bereits 1957 der Académie nationale de médecine mitgeteilt —, demzufolge der Kehlkopf nur jene Obertöne hervorbringt, die das Ohr zu hören imstande ist, und mit ihm das Elektronische Ohr, das daraus folgende Wiedererziehungsgerät.
L’oreille et le langage ist das erste Buch, in dem diese Entdeckungen und ihre weitreichendsten Implikationen in einer zugänglichen Synthese zusammengefasst werden. Es ist zugleich das Manifest einer im Entstehen begriffenen Disziplin: der Audio-Psycho-Phonologie, einer Wissenschaft der Kommunikation, die das Ohr ins Zentrum des menschlichen Funktionierens stellt.
Das Werk entfaltet eine erstaunliche These: das Ohr ist nicht bloß ein passives Empfangsorgan. Es ist der wichtigste Kontrolleur der Stimme und somit der Sprache; es ist überdies ein Organ der kortikalen Aufladung, ohne welches das Gehirn einschläft; es ist schließlich ein Organ des Körperbildes und der Lateralisierung. Das ganze menschliche Wesen — seine Haltung, seine Stimme, sein Denken, seine Art, den Raum zu bewohnen — hängt von der Qualität seines Zuhörens ab.
Der Ton ist der eines Forschungsreisenden: „Es ist nicht erstaunlich, wenn das Buch dieses Abenteurers des Geistes, wie er selbst sagt, ein Abenteuerroman ist und wenn die Entdeckung, die er uns von den Banden zwischen unserem Ohr, unserer Stimme und unserem Körper vorschlägt, in Coups de théâtre voranschreitet" (Vorwort).
Inhaltsverzeichnis
Nach einer Einleitung, welche die leitende Metapher setzt (der Klang der Stimme „überflutet" den ganzen Körper wie ein Wasserfall), entfaltet sich das Werk in mehreren großen Abschnitten:
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Die Sprache — die Sprache und der Mensch, die Sprache und der Philosoph, die Sprache und der Linguist: ein Überblick über die klassischen Auffassungen vor dem Auftreten der audio-physiologischen Perspektive.
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Der sprechende Körper — der phonatorische Apparat und sein Spiel, der verbale Fluss, die Erinnerung und die körperliche Spur des Klanges.
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Das Ohr — Eingangstor und wichtigster Kontrolleur des Ausgangs; die funktionale Dominanz des führenden Ohrs; die audio-vokale Konditionierung; die Audio-Phonologie, sodann die Audio-Psycho-Phonologie.
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Lateralität, Rechtshänder und Linkshänder — warum die Linkshänder in allen Zivilisationen die Ausnahme bilden; klinische Folgen (Stottern, Legasthenie).
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Körperbild — wie die Sprache das Körperschema bildet und umgekehrt, wie das Bild des Körpers die stimmliche Geste formt.
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Schluss — das menschliche Denken äußert sich, indem es seinen Körper wie ein Instrument spielt.
Auszug
„Wenn Sie sprechen, fließt der Klang aus Ihrem Mund wie die Flut, die aus einem zu vollen Becken überläuft. Er überflutet Ihren ganzen Körper, über den er sich ergießt. Jede silbische Welle ergießt sich und bricht über Ihnen — auf unbewusste, aber gewisse Weise. Ihr Körper weiß über seine gesamte Oberfläche hin deren Fortschreiten zu verzeichnen, dank seiner Hautempfindlichkeit, deren Kontrolle wie eine den akustischen Drücken empfindliche Klaviatur funktioniert."
— Einleitung
Stellung im Werk
Als erstes der rund fünfzehn Werke, die Alfred Tomatis zwischen 1963 und 1996 veröffentlichen wird, enthält L’oreille et le langage die Gesamtheit seiner späteren Begriffe im Keim. Es wird namentlich durch Éducation et Dyslexie (ESF, 1971), La Libération d’Œdipe (ESF, 1972), Vers l’écoute humaine (ESF, 1974), L’oreille et la vie (Robert Laffont, 1977), L’Oreille et la Voix (Robert Laffont, 1987) fortgeführt und vertieft werden, um in die große kosmologische Synthese von Écouter l’univers (1996) zu münden. Unentbehrliche Lektüre für jeden, der sich dem tomatisschen Denken an seiner Quelle nähern möchte.
Das Wesentliche
L’oreille et le langage kehrt die klassische Perspektive um: nicht der Kehlkopf, sondern das Ohr lenkt die Stimme, formt die Sprache und prägt das Bild des Körpers. Auf 81 dichten Seiten enthüllt Tomatis darin, dass wir mit unserem Ohr sprechen und dass die Qualität unseres Zuhörens jene unseres Denkens, unserer Haltung, unserer Beziehung zu anderen bedingt. Erstes grundlegendes Buch eines Werkes, das sich über mehr als dreißig Jahre erstreckt — das Buch, das man lesen muss, um den Ursprung aller tomatisschen Techniken zu verstehen — den Tomatis-Effekt, das Elektronische Ohr, die Wiedererziehung durch gefilterte Klänge —, die später die Behandlung der Legasthenie, des Stotterns, des Spracherwerbs und der Kommunikationsstörungen umgestalten werden.
Sowohl an den neugierigen Praktiker als auch an den gebildeten Leser gerichtet, lässt sich dieser „Abenteuerroman des Geistes" in einem Zug lesen: die Prosa ist klar, die Begriffe sind leiblich, der Horizont ist weit. In die Hand zu legen jedem Elternteil eines legasthenischen Kindes, jedem Gesangslehrer, jedem offenen Linguisten und, allgemeiner, jedem, der sich dafür interessiert, was „Mensch sein" heißt.
Verfügbar in Bibliotheken — BnF, Sudoc.