Kampfschrift, 1988 bei den Éditions Ergo Press erschienen, in Zusammenarbeit mit Loïc Sellin verfasst. Tomatis greift hier frontal die Frage des schulischen Scheiterns auf, von dem er feststellt, dass es in Frankreich mehr als 60 % der Schüler des Cours élémentaire trifft. Die These ist klar: die meisten „Dys" jeglicher Art — Legastheniker, Dysorthographiker, Dyskalkuliker — sind vor allem Kinder, die nicht richtig zuhören, und die auditive Wiedererziehung erlaubt es in mehr als 90 % der Fälle, sie wieder ins Gleis zu setzen. Ein Buch, das den Eltern, den Lehrkräften und den Therapeuten die Augen öffnet.

Umschlag von Les Troubles scolaires, Alfred Tomatis, 1988

„Heute übersteigt mein Erfolg in der Behandlung der Legasthenie die 90 %."

Einleitung — Absage an das schulische Scheitern

Vorstellung

Als Les Troubles scolaires 1988 erscheint, kann Tomatis auf nahezu vierzig Jahre klinischer Praxis im Bereich der Legasthenie zurückblicken. Das Buch eröffnet mit einer Feststellung ohne Berufung: die französische Schule ist eine geschlossene Welt. „In einer Klasse des Cours élémentaire mit dreißig Schülern folgen zehn Kinder korrekt mit. Weitere zehn schleppen sich kompensierend hinterher. Die letzten zehn werden in der Kategorie der ‚Dys’ jeder Art verzeichnet." Keine Reform hat diesen Anteil zurückgedrängt; keine Sachverständigenkommission hat ihn umzudrehen vermocht; die vorgebrachten Erklärungen (sozial-kulturelle Bedingungen, Unangemessenheit der Pädagogiken, intellektuelles Niveau, Krise der Zivilisation…) „beißen sich in den Schwanz".

Der Verfasser schlägt eine andere Lesart vor, welche den Rahmen der horizontalen Erklärungen überschreitet: die meisten schulischen Störungen sind in Wirklichkeit Störungen des Zuhörens. Das Kind, das nicht zuhört, lernt nicht — oder lernt schlecht. Es bricht schließlich aus, und der Mechanismus der Ausschließung springt an. Dieser vertikalen Lesart hält Tomatis eine Therapie entgegen: die auditive Wiedererziehung durch das Elektronische Ohr, deren Protokolle, charakteristische Kurven, statistische Ergebnisse und internationalen klinischen Forschungen er beschreibt (Barbara Wilson am North Shore University Hospital in New York, Byron Rourke am Hôpital de Windsor in Kanada, Tim Gilmor in Toronto…).

Das Werk ergreift auch pädagogisch Partei, prangert den Triumph der Ganzheitsmethode an und plädiert für die Rückkehr zu einfachen Grundlagen: zuhören, aussprechen, schreiben, laut lesen, auswendig lernen. Eine Schule, die das Ohr vergisst, fertigt — so Tomatis — massenhaft Legastheniker.

Inhaltsverzeichnis

  • Absage an das schulische Scheitern — Bestandsaufnahme des Desasters, Kritik der vorherrschenden Erklärungen.

  • Besondere Anpassung eines alten philosophischen Problems — die Fabel von der Schnecke und dem Labyrinth.

  • Die eitlen Reden über die Methode — global, semi-global, syllabisch.

  • Das Ohr, dieses vergessene Gadget — Physiologie des Zuhörens, angewandt auf Lesen und Schreiben.

  • Der Körper, der lernt — Haltung, Lateralität, Körperschema und Lernen.

  • Einige Ideen, die man sich in den Schädel setzen sollte, um das Gehirn zu verstehen — zugängliche Neurophysiologie.

  • Das Elektronische Ohr im Dienst der Schüler — klinische Studien, Ergebnisse, internationale Forschungen.

Stellung im Werk

Les Troubles scolaires greift den Gegenstand wieder auf, der sechzehn Jahre zuvor von Éducation et Dyslexie (1972) gesetzt worden war — aktualisiert und einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Es ist das pädagogische Pendant zum tomatisschen Werk, das man neben Pourquoi Mozart ? (musikalisch), Nous sommes tous nés polyglottes (sprachlich) und Neuf mois au paradis (pränatal) zu lesen hat — die Gesamtheit bildet das große an ein breites Publikum gerichtete Fresko der Jahre 1988–1991.

Das Wesentliche

In die Hand zu legen jedem Elternteil eines Kindes in schulischer Not, jeder Lehrkraft, die von ergebnislosen Tagungen müde ist, jedem Logopäden auf der Suche nach einem kohärenten theoretischen Rahmen. Tomatis liefert hier mit seiner gewohnten Verve und einem sehr sicheren diagnostischen Sinn eine Analyse, die in der französischen pädagogischen Landschaft heraussticht — und die vierzig Jahre später erstaunlich aktuell bleibt. Da die Statistiken des schulischen Scheiterns nicht nachgelassen haben, behält das Buch eine heilsame provokative Kraft.


Verfügbar in Bibliotheken — BnF, Sudoc.