Die Lärmbelastungen
Die Lärmbelastungen — Berufsschwerhörigkeit, Werks-Audiometrie, objektive Audiometrie (Le Médecin d'Usine, 1957)
Zusammenfassung, verfasst von Alfred Tomatis für die Zeitschrift LE MÉDECIN D’USINE (November 1957, S. 605-624). Der Verfasser versammelt darin für die Arbeitsmediziner seine Forschungen über die Berufsschwerhörigkeit — Einrichtung, Latenz, subtotale Latenz, offenkundige Schwerhörigkeit —, über die Werks-Audiometrie und über die objektive Audiometrie durch phonation-auditive Gegenrückwirkung, deren erste Ergebnisse zur gleichen Zeit im Journal Français d’Oto-Rhino-Laryngologie (Mai-Juni 1957) veröffentlicht wurden. Hier erscheinen, in einer für die Werksärzte zugänglichen Form, die Begriffe des führenden Ohres, der auditiven und vokalen Skotome und der rassischen Hörweisen (italienisch, französisch, russisch), sowie zweiundzwanzig Abbildungen (Audiogramme, Schemata der transzerebralen Übertragung und der elektronischen Montage).
Der LÄRM
Die Lärmbelastungen
Von Dr. Alfred TOMATIS (Paris)
Berufsschwerhörigkeit — Werks-Audiometrie — Objektive Audiometrie
Gedruckt mit der Zeitschrift LE MÉDECIN D’USINE, November 1957, Seiten 605-624.
I. — Die Berufsschwerhörigkeit
Jede berufsbezogene auditive Schädigung zeigt sich schon zu Beginn unter dem Aspekt eines Läsionsmodus von typischer Gangart: konstanter, selektiver audiometrischer Abfall auf den Frequenzen in der Nähe von 4 000 Zyklen pro Sekunde, insbesondere auf der Frequenz 4 096 Hz. Eine sorgfältig geführte audiometrische Untersuchung weist vier aufeinanderfolgende Perioden auf:
1° Periode der Einrichtung des dauerhaften Defizits. Sehr früh, übersetzt sie sich schon ab den ersten Stunden der Lärmexposition durch einen Abfall des Hörens, der sich ausschließlich auf die hohen Frequenzen, um 4 000 Zyklen, erstreckt. Dieser Abfall ist reversibel, wenn das Subjekt dem Lärm entzogen wird; er wird es nicht mehr sein nach mehreren Wochen oder Monaten kontinuierlicher Exposition. Das fortan dauerhafte Defizit ist sehr begrenzt — es erstreckt sich nur auf zwei oder drei Frequenzen — und das Subjekt hat keinerlei Bewusstsein von der Behinderung, die es betrifft. Das Gespräch entrollt sich normal, und nur ein sorgfältig geführtes Audiogramm gestattet es, die beginnende Schädigung aufzuweisen.
2° Periode der totalen Latenz. Das Defizit bleibt auf die hohen Frequenzen beschränkt, weitet sich aber langsam aus. Das Subjekt empfindet weiterhin keine subjektive Störung. Diese Periode, die mehrere Jahre dauern kann, ist die gefährlichste: sie entrollt sich ohne Wissen des Subjekts und ohne Wissen des Arztes selbst, der das Audiogramm nicht angefordert hat.
3° Periode der subtotalen Latenz. Indem sich das Defizit verschlimmert, erreicht es fortschreitend die benachbarten Frequenzen: es greift zunächst auf die hohen Klänge in der Nähe von 4 000 Zyklen über, dann steigt es langsam zu den mittleren Frequenzen hinab. Einige subjektive Störungen treten in Erscheinung: Empfindung der Befremdung bestimmter Konsonanten — Zischlaute, Reibelaute — und Schwierigkeit des Verstehens im Umgebungslärm. Das Gespräch bleibt möglich, doch das Hören des Telefons oder die Wahrnehmung der Stimme eines etwas entfernten Gesprächspartners wird mühsam.
4° Periode der offenkundigen Schwerhörigkeit. Das Defizit, nunmehr auf die Gesamtheit der Konversationsfrequenzen ausgedehnt, objektiviert sich subjektiv, und das Subjekt konsultiert. Die Schwerhörigkeit ist offenkundig, irreversibel, und jede Schutzmaßnahme kommt zu spät. Die Rolle des Werksarztes besteht eben darin zu vermeiden, dass man dahin gelangt.
[Abb. 1 bis 4 — Typische Audiogramme der vier aufeinanderfolgenden Perioden der Berufsschwerhörigkeit.]
II. — Die Audiometrie
Die Audiometrie hat den Gegenstand der quantitativen und qualitativen Messung der auditiven Schwellenwerte auf der Gesamtheit des Spektrums der hörbaren Frequenzen. Sie wird mittels eines Audiometers ausgeübt — ein elektronisches Gerät, das reine Klänge variabler Intensität liefert, in Dezibel im Verhältnis zu einem normalen Bezugs-Audiogramm geeicht — und übersetzt sich durch eine Zeichnung: das Audiogramm, auf welchem auf den Abszissen die Frequenzen (von 125 bis 8 000 Hz) und auf den Ordinaten die Hörverluste in Dezibel aufgetragen werden.
Die tonale liminale Audiometrie ist die am meisten verwendete Methode: sie misst den minimalen Schwellenwert der Wahrnehmung des reinen Klanges. Sie ergänzt sich in bestimmten Fällen nützlich durch die supraliminale Audiometrie (Prüfungen von Fowler, S.I.S.I., Recruitment) und durch die vokale Audiometrie, die das Sprachverständnis misst.
III. — Werks-Audiometrie
Die Werks-Audiometrie unterscheidet sich von der Praxis-Audiometrie durch drei Anforderungen:
1° Schnelligkeit. Der Werksarzt muss in einigen Minuten die Untersuchung einer großen Zahl von Subjekten durchführen können. Die liminale Untersuchung, die sich auf die wesentlichen Frequenzen — 500, 1 000, 2 000, 4 000 und 6 000 Hz — erstreckt, genügt, um die beginnende Schädigung aufzuspüren.
2° Wiederholbarkeit. Die Untersuchungsbedingungen müssen von einer Untersuchung zur anderen streng identisch sein, damit die beobachteten Schwankungen aussagekräftig seien. Diese Wiederholbarkeit verlangt eine schallisolierte Kabine — oder zumindest einen vom Umgebungslärm hinreichend isolierten Raum — und ein regelmäßig geeichtes Audiometer.
3° Nachverfolgung. Jeder exponierte Arbeiter muss bei der Einstellung ein Audiogramm, sodann periodische Audiogramme (alle sechs Monate oder jedes Jahr, je nach Expositionsgrad) erhalten, die auf einer individuellen Akte verzeichnet sind und es gestatten, die aufeinanderfolgenden Zeichnungen zu vergleichen.
Die Rolle des Werksarztes ist wesentlich präventiv: die beginnende Schädigung in dem Stadium zu erkennen, in dem sie noch reversibel oder zumindest begrenzt ist, und die notwendigen Schutzmaßnahmen (Kabinen, Helme, Ohrstöpsel, Personalrotation) ergreifen zu lassen, bevor sich die offenkundige Schwerhörigkeit einrichtet.
[Abb. 5 bis 9 — Charakteristische Audiogramme, im industriellen Milieu gesammelt.]
IV. — Objektive Audiometrie
Die klassische Audiometrie beruht gänzlich auf der Aufrichtigkeit des untersuchten Subjekts. Nun aber zeigt die Erfahrung, dass diese Aufrichtigkeit in einer Reihe von Umständen fehlt: Subjekte, die sich im Hinblick auf eine Entschädigung als betroffen ausgeben; Subjekte, die ihr Defizit im Hinblick auf eine Einstellung verbergen; Subjekte gutgläubig, doch unfähig, ihre eigene Schwelle korrekt zu beurteilen. Die objektive Audiometrie schlägt eben vor, den auditiven Schwellenwert unabhängig von jeder Kooperation des Subjekts und folglich unabhängig von jeder Simulation zu messen.
Das Prinzip ist einfach. Angesichts des Bestehens — experimentell nachgewiesen und von uns bereits 1954 veröffentlicht — einer permanenten Gegenrückwirkungsschleife, die das Hören mit der Phonation verbindet, genügt es, um die Hörweise eines Subjekts zu messen, das Spektrum der Stimme zu analysieren, die es hervorbringt. Übt man auf das Hören dieses Subjekts irgendeine Veränderung aus — beispielsweise eine Filterung, welche die Frequenzen über 2 000 Hz unterdrückt —, so beobachtet man augenblicklich an der spektralen Analyse seiner Stimme das Verschwinden derselben Frequenzen. Die audio-phonatorischen Gegenrückwirkungen, von Herrn Raoul Husson in einer Mitteilung vom 4. Juni 1957 an die Académie nationale de médecine als „Tomatis-Effekt" benannt, liefern so das Mittel einer wahrhaft objektiven Audiometrie.
I. — Rhythmusstörungen: das führende Ohr
Die sorgfältig geführte audiometrische Untersuchung, sofern sie sich getrennt auf das rechte und das linke Ohr erstreckt, weist einen konstanten Sachverhalt auf: beim Rechtshänder zeigt das rechte Ohr eine relative Hyperakusis im Verhältnis zum linken Ohr, besonders ausgeprägt auf den tiefen Frequenzen. Umgekehrt zeigt beim Linkshänder das linke Ohr die entsprechende Hyperakusis.
Dieses Ohr — jenes, das die Tiefen besser hört — ist das, was wir das führende Ohr nennen werden. Es befehligt den Rhythmus der Phonation. Jede Schädigung, die es trifft, stört dauerhaft den Rhythmus der Stimme, ob es sich um die gesprochene Stimme (Geschwindigkeit, Akzentuierung, Artikulation) oder um die gesungene Stimme (Reinheit, Ansatz, Stütze) handelt. Umgekehrt geht jede Störung des stimmlichen Rhythmus aus einer Schädigung des führenden Ohres hervor und ist auf dieser Seite zu suchen.
[Abb. 10 bis 12 — Audiogramme rechtshändiger Subjekte: relative Hyperakusis des rechten Ohres auf den tiefen Klängen.]
Das Stottern bildet den Grenzfall dieser Dysrhythmie. Verlängert man künstlich die Rückkehrverzögerung des hervorgebrachten Klangs zum Ohr — durch eine elektronische Vorrichtung, die eine Verzögerung in der Größenordnung eines Fünfzehntels einer Sekunde einführt —, so macht man in einigen Minuten das normalste Subjekt zum Stotterer. Umgekehrt enthüllt die sorgfältige audiometrische Untersuchung der Stotternden in nahezu allen Fällen eine kennzeichnende auditive Dysrhythmie: entweder eine ausgeprägte Asymmetrie zwischen rechtem und linkem Ohr oder das Fehlen eines führenden Ohres. Die auditive Wiedererziehung zielt darauf, die korrekte Dominanz wiederherzustellen.
[Abb. 13 — Kreis Hören-Phonation beim rechtshändigen Subjekt: rechtes Ohr → linkes Hörzentrum → Phonationsorgane.]
[Abb. 14 — Kreis Hören-Phonation beim rechtshändigen Subjekt, das sein führendes Ohr verloren hat: transzerebrale Übertragung.]
II. — Störungen der Klangfarbe
a) Schwerhörigkeit der Sänger. Die audiometrische Untersuchung der Sänger — und allgemeiner der Berufsleute der Stimme — enthüllt nach einigen Jahren Ausübung eine selektive Schädigung, die sich auf die hohen Frequenzen (3 000-4 000 Hz) erstreckt. Diese Schädigung betrifft zunächst das rechte Ohr (führendes Ohr beim Rechtshänder) und weitet sich sodann auf das linke Ohr aus. Sie zieht eine entsprechende Veränderung der Klangfarbe nach sich — der Sänger verliert fortschreitend die Beherrschung der oberen Obertöne, welche die Klarheit der Hervorbringung gewährleisten.
[Abb. 15 bis 17 — Audiometrische Antworten zweier Sänger und ihre Entwicklung in der Zeit: fortschreitender Abfall auf der rechten Seite (führendes Ohr), dann Bilateralisierung.]
b) Skotome. Man beobachtet manchmal auf dem Audiogramm sehr selektive Abfälle, die sich auf eine Frequenz oder eine enge Gruppe von Frequenzen erstrecken, wobei der Rest der Zeichnung normal bleibt. Diese Abfälle — die wir auditive Skotome nennen, in Analogie zu den Skotomen des Gesichtsfeldes — entsprechen stets bei der spektralen Analyse der Stimme des Subjekts vokalen Skotomen: die Stimme enthält ebenfalls die Frequenzen nicht, die das Ohr nicht hört. Diese konstante Entsprechung liefert den täglichen Beweis dafür, dass die Stimme eines Subjekts nur jene Obertöne enthält, die sein Ohr zu hören vermag.
III. — Auditive Selektivität: die rassischen Hörweisen
Die vergleichende Untersuchung einer großen Zahl von Subjekten verschiedener Nationalitäten enthüllt offenkundig systematische Unterschiede der auditiven Selektivität. Diese Unterschiede sind nicht anatomisch: sie sind funktionell, das heißt im Lauf der auditiven Konditionierung erworben, die dem Kind durch das klangliche Bad seiner Muttersprache auferlegt wird. Wir schlagen, um sie zu bezeichnen, den Begriff der rassischen Hörweisen vor.
Das italienische Ohr weist ein enges Durchlassband auf, zentriert auf die Zone 2 000-4 000 Hz. Diese spitze Selektivität verleiht der italienischen vokalen Klangfarbe ihre kennzeichnende Klarheit und ihren Glanz.
Das französische Ohr weist ein Durchlassband auf, zentriert auf die Zone 1 000-2 000 Hz, also spürbar tiefer als das italienische Ohr. Die französische vokale Klangfarbe findet darin ihre mittlere Kolorierung, ihren Mangel an hellem Glanz.
Das russische Ohr weist keine selektive Zone der Selektivität auf: seine Antwortkurve breitet sich gleichmäßig von den Tiefen zu den Höhen aus, was zugleich den harmonischen Reichtum der russischen Stimme und die Leichtigkeit erklärt, mit der die Russen sich die unterschiedlichsten fremden Sprachen aneignen.
[Abb. 18 — Selektivität eines italienischen Ohres: das Durchlassband schreibt sich zwischen 2 000 und 4 000 Hz ein.]
[Abb. 20 — Selektivitätsband eines typischen französischen Ohres, begrenzt zwischen 1 000 und 2 000 Hz.]
[Abb. 21 — Selektives Feld eines russischen Ohres, das sich von den tiefen Klängen zu den äußerst hohen Klängen erstreckt.]
Diese rassischen Hörweisen sind nicht unveränderlich. Sie können durch eine geeignete Konditionierung verändert werden, und auf eben dieser Konditionierung beruht unsere Methode der Integration der fremden Sprachen, deren erste Ergebnisse zur Zeit im Centre Audio-Visuel der École Normale Supérieure de Saint-Cloud zur Anwendung gelangen.
IV. — Schluss
Die berufsbezogenen Hörstörungen, lange Zeit als unausweichliche Schicksalsfügungen der Industrialisierung betrachtet, können zugleich verhütet, in einem frühen Stadium aufgespürt und — in gewissen Grenzen — wieder erzogen werden. Die Vorbeugung gehört zur Einrichtung der Räumlichkeiten und der individuellen Ausstattung; die Aufspürung gehört zu einer systematisch und gut geführten Werks-Audiometrie; die Wiedererziehung gehört zu einer objektiven Audiometrie, deren Grundlagen durch unsere Arbeiten der letzten zehn Jahre gelegt wurden und die wir fortschreitend auf die Stimmleiden, die Rhythmusstörungen und die Integration der fremden Sprachen ausgedehnt haben.
Der Werksarzt nimmt in diesem Dispositiv eine Schlüsselposition ein: von ihm hängt für Hunderttausende von Arbeitern die Bewahrung der auditiven Unversehrtheit ab — ein zerbrechliches Kapital, auf dem mehr ruht, als man gemeinhin glaubt: das seelische Gleichgewicht, die Geselligkeit und bis hin zur Qualität des Lebens selbst.
ZUSAMMENFASSUNG
Die Berufsschwerhörigkeit richtet sich in vier Perioden ein — Einrichtung des dauerhaften Defizits, totale Latenz, subtotale Latenz, offenkundige Schwerhörigkeit —, von denen nur die ersten drei einer präventiven Therapeutik zugänglich sind. Die systematische Werks-Audiometrie gestattet es, deren Aufspürung zu gewährleisten. Eine objektive Audiometrie, gegründet auf die Auswertung der audio-phonatorischen Gegenrückwirkungen („Tomatis-Effekt"), gestattet es, deren Diagnose unabhängig von der Kooperation des Subjekts zu bestätigen und ihre Verlängerungen zu erforschen: führendes Ohr und Rhythmusstörungen, auditive und vokale Skotome, rassische Selektivitäten (italienisch, französisch, russisch), Schwerhörigkeit der Sänger, Integration der fremden Sprachen.
SUMMARY
Industrial deafness develops through four successive stages — installation of permanent deficit, total latency, subtotal latency, manifest deafness — only the first three of which are amenable to preventive treatment. Systematic plant audiometry ensures early detection. An objective audiometry, based on the audio-phonatory feedback loop (« Tomatis effect »), provides diagnostic confirmation independent of the subject’s cooperation, and opens up the related fields of directional ear and rhythm disorders, auditory and vocal scotomata, racial selectivities (Italian, French, Russian), singers’ deafness, and foreign language integration.
A. TOMATIS
[Abb. 22 — Gesamtheit der Montage, die die objektive Audiometrie ermöglicht. M: Mikrophon — An: Analysator — Am: Verstärker — E: Kopfhörer. Tiefpass-, Bandpass-, Hochpass-Filter. Audiometer.]
Quelle: Tomatis A., „Les nuisances du bruit — Surdité professionnelle, audiométrie d’usine, audiométrie objective", LE MÉDECIN D’USINE, November 1957, S. 605-624. In den persönlichen Archiven Alfred Tomatis’ aufbewahrter Sonderdruck. Zweiundzwanzig Originalabbildungen (Audiogramme, Schemata des Kreises Hören-Phonation und der transzerebralen Übertragung, elektronische Montage der objektiven Audiometrie).
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