Objektive Audiometrie: Ergebnisse der Rückkopplungen Phonation-Hören
Objektive Audiometrie: Ergebnisse der Rückkopplungen Phonation-Hören — J.F.O.R.L. Mai-Juni 1957
Grundlegende Abhandlung von Dr Alfred Tomatis, veröffentlicht im Journal Français d’Oto-Rhino-Laryngologie, Nr. 3 — Mai-Juni 1957 (S. 379-391). Auf dreizehn Seiten und in siebzehn Abbildungen begründet der Verfasser zum ersten Mal den Begriff des führenden Ohrs — auditives Pendant zum führenden Auge — und weist experimentell die Rückkopplungen Phonation-Hören nach. Man findet darin: die Dissoziation zwischen rezeptivem musikalischem Ohr und expressivem musikalischem Ohr*, die Identifizierung des* transzerebralen Transfers (1/15 Sekunde) als Schlüssel zur Pathogenese des Stotterns, den Nachweis der Berufsschwerhörigkeit der Sänger (Intensitäten von 100 bis 120 dB in einem Meter Abstand), den Begriff der Hör- und Stimmskotome*, sodann die Beschreibung der den verschiedenen Sprachen (Italienisch, Französisch, Russisch) eigenen Hörselektivitäten. Der Text schließt mit der Vorstellung der Vorrichtung zur* objektiven Audiometrie mit Spektralanalysator und weißem Rauschen — der ersten Apparatur, die es erlaubt, das Hören eines Subjekts zu messen, ohne dass es zu antworten brauchte.
Auszug aus dem Journal Français d’Oto-Rhino-Laryngologie
Nummer 3 — Mai-Juni 1957
Imprimerie R. Gauthier, 35, Rue Viala — Lyon.
Objektive Audiometrie: Ergebnisse der Rückkopplungen Phonation-Hören
Dr Alfred Tomatis (Paris) (*)
Einleitung
Die Beziehungen, die das Hören und die Phonation solidarisch verbinden, sind so sehr ineinander verschränkt, dass letztere ohne das Vorhandensein des Hörens nicht überleben könnte, sofern man nicht zum Kunstgriff der Wiedererziehung Zuflucht nähme.
Auf den ersten Blick scheint dies gewiss eine Selbstverständlichkeit. Doch sobald man sich vom typischen Fall des Taubstummen entfernt, erscheinen die Elemente dieser Verknüpfung weniger schlüssig und verlangen eine eingehendere Analyse.
Im Lauf dieser Darlegung werden wir sehen, dass diese Beziehungen im Sinne Phonation-Hören so eng verbunden sind, dass sie einen wahren Kreislauf bilden, und dass jeder Bruch, jede Verletzung, jede noch so geringfügige Anomalie im Kreislauf rasch erkennbar ist.
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Entweder weil sie eine Störung des Rhythmus nach sich zieht, das heißt eine Behinderung im normalen Fluss des Kreislaufs;
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oder weil sie eine Veränderung des Timbres erscheinen lässt, das heißt der Weise, in der sich dieser Fluss vollzieht.
Die Rhythmusstörungen. — Das führende Ohr
In einer früheren Arbeit haben wir das Vorhandensein einer aurikulären Vorherrschaft im „Anvisieren" des Klangs nachgewiesen. Tatsächlich gibt es ein führendes Ohr, ebenso wie es bei jedem Individuum ein führendes Auge gibt.
Diese logische Schlussfolgerung erwies sich als leicht zu überprüfen, und vom Studium der Phonationsstörungen bei den Berufstätigen der Stimme ist diese Anregung ausgegangen, als wir begannen, die Kennzeichen des musikalischen Ohrs zu erforschen.
Dieses führende Ohr sitzt stets auf der Seite des führenden Auges, also in der Regel rechts beim Rechtshänder, links beim Linkshänder.
Sein Nachweis lässt sich leicht mit Hilfe eines einfach herzustellenden Apparats erbringen, der aus einem Mikrofon, einem Verstärker und einem Kopfhörer besteht. Das Subjekt singt vor dem Mikrofon und hört sich im Kopfhörer. Man kann nach Belieben die Kontrolle des einen oder anderen Ohrs aufheben dank eines Schalters, der einen der beiden Kopfhörer außer Funktion setzt; der, welcher in Funktion bleibt, befindet sich parallel zu einem Widerstand gleicher Impedanz wie der ausgeschaltete Kopfhörer.
Wir stellen alsdann fest, dass:
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wenn das Subjekt sich mit beiden Kopfhörern kontrollieren kann, es normal singt;
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wenn man das linke Ohr unterdrückt (wobei das rechte Ohr als führendes Ohr identifiziert wurde), praktisch keine Veränderung in der Hervorbringung festzustellen ist;
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doch wenn das Subjekt seine Kontrolle auf sein linkes Ohr beschränkt sieht, beobachtet man eine unmittelbare Veränderung des Rhythmus im Sinne einer sehr bedeutenden Verlangsamung, zugleich mit einer Veränderung des Timbres der Stimme, die flach, weiß wird und ihre Genauigkeit verliert.
Man erhält ein experimentelles Ergebnis gleicher Art, wenn man das führende Hören stört, nicht mehr durch die oben beschriebene kleine elektronische Anordnung, sondern einfach durch das Hervorrufen, während einiger Minuten, einer Blendung durch weißes Rauschen. Die Hörermüdung, die einzig das führende Ohr betrifft, erlaubt dem Gegenohr einen relativen, nicht dauerhaften Gewinn, der dieselben experimentellen Störungen erscheinen lässt.
Die Veränderung des Rhythmus kann beträchtlich sein, da es uns vorgekommen ist, Verlangsamungen zu erhalten, die in der Dauer das Doppelte der Dauer des melodischen Rhythmus überschritten. Dieses Phänomen ist absolut unbewusst, und das vorgewarnte Subjekt muss eine sehr große Anstrengung unternehmen, um diese Verzögerung aufzuholen und im Takt zu singen.
Auch der Mangel an Genauigkeit ist ein bemerkenswertes Phänomen. Die Kontrolle der Genauigkeit ist tatsächlich dem führenden Ohr eigen und greift, was dieses letztere Ohr betrifft, auf audiometrische Eigenschaften zurück, die wir andernorts beschrieben haben und deren wesentliche Elemente wir kurz in Erinnerung rufen.
Das Hören der „Musiker" im weitesten Sinne des Wortes, das heißt der Personen, die die Möglichkeit haben, genau zu hören und wiederzugeben, weist im Schaubild der Messungen der Hörschwellen für alle dasselbe Aussehen auf.
Diese Kurve nimmt stets das Aussehen von Abbildung 1 an, und man kann einen progressiven Anstieg zwischen 500 Hz und 2000 Hz feststellen, mit einer Höhendifferenz, die je nach Fall zwischen 5 und 20 dB schwankt.
Wenn diese Kurve sich verformt, treten alsdann zwei Phänomene auf:
1° Vollzieht sich die Verformung zwischen 1000 Hz und 2000 Hz, wie in Abbildung 2 angegeben, so hört das Subjekt richtig, doch singt falsch. Es kann sich bisweilen seines Mangels bewusst werden und dahin gelangen, seinen Mangel an Genauigkeit zu korrigieren;

Abb. 1 und Abb. 2 — Referenzaudiogramme: regelmäßiger Anstieg von 500 bis 2000 Hz, Höhendifferenz von 5 bis 20 dB; und Verformung zwischen 1000 und 2000 Hz.
2° Vollzieht sich die Verformung zwischen 500 Hz und 1000 Hz, wobei das Hören jenseits dieser Frequenzen unversehrt ist, wie in Abbildung 3 angegeben, so hat das Subjekt alsdann sein rezeptives musikalisches Ohr verloren, das heißt, es hört schlecht, wenn ein anderes Subjekt schief singt. Dafür singt es noch richtig. Dies ist ein dem Anschein nach paradoxes Phänomen:
3° Schließlich, wenn die Verformung die ganze Kurve betrifft und diese keine ansteigende Schwellengrenze mehr aufweist und sägezahnförmig erscheint (Abb. 4), so findet man bei dem untersuchten Individuum keinerlei Merkmal der Musikalität wieder. Es wird falsch hören und falsch hervorbringen.
Im Ganzen verläuft alles so, als gäbe es audiometrisch ein globales musikalisches Ohr, das sich in ein rezeptives musikalisches Ohr und ein expressives musikalisches Ohr dissoziieren kann. Doch — entscheidende Tatsache — diese Eigenschaften haben nur Wert, sofern sie auf das führende Ohr angewandt sind.
Wenn das gegenüberliegende Ohr solche Vorteile genösse, wobei das führende Ohr ihrer entblößt wäre, so fänden wir in keinem Fall bei seinem Besitzer die Eigenschaften einer guten Musikalität.

Abb. 3 und Abb. 4 — Audiometrische Verformung zwischen 500 und 1000 Hz; und vollständige sägezahnförmige Verformung.
Betrachtet man die gesprochene Stimme und nicht mehr die gesungene Stimme unter identischen experimentellen Bedingungen, so erhält man noch präzisere Antworten.
So bemerkt man bei der Unterdrückung des führenden Ohrs, außer einer unmittelbaren Veränderung des Timbres, mehr oder weniger ausgeprägte und je nach untersuchtem Individuum unterschiedliche, doch spezifische und für dasselbe Subjekt stets identische Störungen des Rhythmus. Man kann alsdann die ganze Palette der Anomalien des Rhythmus beobachten, die sich vom einfachen Stammeln bis zum schwersten Stottern erstrecken.
Hier liegt eine beträchtliche Forschungsquelle und eine sichere theoretische Hypothese über die Pathogenese der Phonationsstörungen, insbesondere des Stotterns.

Abb. 5, Abb. 6 und Abb. 7 — Vergleichende audiometrische Reihen, die die Anomalien des Rhythmus vom einfachen Stammeln bis zum schwersten Stottern illustrieren.
Es ist nur ein Schritt, diese Hypothese durch die Untersuchung des Hörens der von Phonationsstörungen befallenen Subjekte, namentlich der Stotterer, zu bestätigen.
Das haben wir systematisch getan, und gegenwärtig verfügen wir über einige Hunderte audiometrischer Beobachtungen. Wir geben einige Ergebnisse wieder, die wir in drei Gruppen einteilen können.
Die Mehrheit, das heißt mindestens 90 %, entspricht hypakustischen Subjekten des führenden Ohrs.
Wie man feststellen kann, handelt es sich nur um eine relative Hypakusis, die dem Subjekt selbst fast immer unbekannt und nur audiometrisch erkennbar ist.
Diese Hypakusis genügt jedoch, damit man experimentell, durch Unterdrückung des führenden Ohrs selbst auf partielle Weise, ein identisches Ergebnis erhält — ebenso, als ob eine wie geringfügig auch immer Hypakusis des führenden Ohrs genügte, es aus dem Kreislauf auszuschließen, wobei das Subjekt sogleich die Erleichterungslösung ergreift, die ihm das Gegenohr bietet, das von einer leichten relativen Hyperakusis profitiert, ohne darum jedoch zum führenden Ohr zu werden.
Wir haben alsdann gedacht, wir stünden vor einer tiefgreifenden Veränderung des Kreislaufs Hören-Phonation, und in dieser Störung lägen die Aussichten auf die Erklärung der Gesamtheit der Rhythmusstörungen.
Wir können diese Anomalie leicht an zwei sehr einfachen Schemata aufzeigen.

Abb. 8 — Normaler Weg des Kreislaufs Hören-Phonation: führendes Ohr → linkes Hörzentrum → linkes motorisches Zentrum → Phonationsmuskulatur → Luftweg Mund-führendes Ohr.
Normalerweise nutzt der Kreislauf Hören-Phonation den folgenden Weg (Abb. 8):
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führendes Ohr (von dem wir zur Vereinfachung der Darlegung annehmen, dass es das rechte Ohr ist);
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linkes Hörzentrum;
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linkes motorisches Zentrum;
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Phonationsmuskulatur;
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und Luftweg Mund-führendes Ohr.

Abb. 9 — Gestörter Weg nach Unterdrückung des führenden Ohrs: der Eingangsweg führt durch das Gegenohr und verlangt einen zusätzlichen transzerebralen Transfer.
Wird aus irgendeinem Grund das führende Ohr unterdrückt, so wird das Gegenohr (in unserem Beispiel das linke Ohr) zum Eingangsweg unseres neuen Kreislaufs, der die folgenden Etappen umfassen wird (Abb. 9):
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linkes Ohr;
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linkes Gehirn auf der Ebene des rechten Hörzentrums;
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linkes Gehirn auf der Ebene des linken Hörzentrums;
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linkes motorisches Zentrum;
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Phonationsmuskulatur;
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und schließlich Weg Mund und linkes Ohr.
Man stellt fest, dass in diesem zweiten, komplexeren Weg unmittelbar ein sehr bedeutendes Verzögerungselement auftritt, das wir den „transzerebralen Transfer" genannt haben.
Wir haben diesen transzerebralen Transfer messen können. Er kann je nach Individuum zwischen 1/5 und 1/40 Sekunde schwanken, bleibt jedoch für jedes Individuum spezifisch.
Wenn die Dauer dieses Transfers zwischen 1/10 und 1/20 Sekunde liegt, mit einem Maximum bei 1/15 Sekunde, so ist das Subjekt stets ein Stotterer.
Man sieht also, dass nicht alle Individuen notwendigerweise Stotterer sind, wenn ihr führendes Hören kompromittiert ist. Zwei Bedingungen erweisen sich als unerlässlich:
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der Verlust des führenden Hörens;
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ein transzerebraler Transfer in der Größenordnung von 1/15 Sekunde.
Nun aber sind 1/15 Sekunde grob die durchschnittliche Dauer der französischen Silbe. So begreift man besser einerseits die Verdoppelung der Silbe, um diese Verzögerung aufzuholen, und andererseits das Phänomen der Wiederholungen, das der Kontrolle des linken Cortex entgeht.
Dieser für das Stottern fast spezifische Wert von 1/15 Sekunde erklärt das Verschwinden des Stockens, sobald man eine Verlangsamung der Rede auferlegt, sei es künstlich, indem man eine Bradylalie (*) auferlegt, sei es normal in allen Sprachformen, die den Rhythmus in der Dauer vergrößern, wie es beim gesungenen Satz der Fall ist.
Ebenfalls in der Konstanz dieses Wertes von 1/15 Sekunde kann man sehen, dass ein Subjekt im Französischen stottert und nicht im Englischen zum Beispiel, da der durchschnittliche Wert der englischen Silbe 1/20 Sekunde beträgt.
Bemerken wir nebenbei, dass der Fluss einer auswendig gelernten Erzählung beim Stotterer ohne Behinderung erfolgt, denn die Steuerung der Phonation geschieht direkt, ohne Notwendigkeit der Hörkontrolle.
Außerhalb dieser glücklicherweise sehr selektiven Grenzen werden die durch den transzerebralen Transfer verursachten Verzögerungen durch mehr oder weniger verlängerte „äh" blockiert, die sich in mehr oder weniger entfernten Intervallen wiederholen, oder durch eine mehr oder weniger bedeutende Bradylalie.
Im Ganzen verwirklicht diese Verzögerung ein wahres physiologisches „delayed feedback".
Klinisch verstärken die akuten Phonationsstörungen, die bei Subjekten mit einer das führende Ohr betreffenden akuten Otitis angetroffen werden, diese Hypothese.
Persönlich haben wir zwei bedeutende Stotterfälle im Verlauf von Otitiden festgestellt, Störungen, die in dem Maße verschwinden mussten, in dem das führende Ohr seine Funktionen wieder aufnahm.
Man begreift nebenbei die Gefahr eines Hörverlusts auf dem führenden Ohr, sei er einer unzureichenden Pflege zuzuschreiben oder sei er die Folge traumatisierender Eingriffe, wie es Parazentesen sein können.
Das wichtigste Element, wenn nicht der Beweis, der uns zugunsten dieser Hypothese hat neigen lassen, ist das fast unmittelbare Verschwinden aller phonatorischen Störungen, sobald der normale Kreislauf wieder in Gang gesetzt ist. Wir bedienen uns dessen regelmäßig mit Erfolg in der Behandlung des Stotterns.
Neben diesen Fällen, die mit einer relativen Hypakusis verknüpft sind und 90 % der Fälle ausmachen, gibt es eine gewisse Zahl, die die einfache Audiometrie nicht zu erkennen erlaubt, die aber eine schwere Störung der Hörselektivität aufweisen. Wir werden weiter unten darauf zurückkommen müssen.
Schließlich vereint eine dritte Gruppe die Subjekte, deren Rechtshändigkeit nicht offensichtlich ist, wie bei den Bidextren. Das führende Ohr ist alsdann weniger bestimmt.
Die Timbrestörungen
a) Berufsschwerhörigkeit der Sänger.
Es sind wieder die Berufstätigen der Stimme, insbesondere die Sänger, denen wir den Gedanken an die Möglichkeit eines klanglichen Selbsttraumas verdanken, nachdem wir die Stimmen aller untersuchten Sänger quantitativ analysiert hatten.
Die Bedeutung der Klangenergie, die sie entfalten können, hat nicht verfehlt, uns zu überraschen, umso mehr, als wir von klassischen, doch falschen Daten ausgegangen waren, welche die Maxima auf Intensitäten in der Größenordnung von 80 dB beschränkten. Nun aber haben wir in einem Meter Abstand, einer Distanz, die wir als Referenz angenommen haben, leicht 100, 110 und bis zu 120 dB angetroffen.
Es ist logisch zu denken, dass ein Individuum, das einer solchen Intensität während mehrerer Stunden pro Tag unterworfen ist, am Ende einer mehr oder weniger langen Zeit eine traumatische Schwerhörigkeit erleiden kann.
Wir berichten hier von einigen typischen Fällen, die wir mit jenen von Arbeitern vergleichen, die während einer entsprechenden Dauer in der Nähe von Flugzeugmotoren arbeiten.
Die einen wie die anderen können, wie man sieht, die vier Stadien der Berufsschwerhörigkeit veranschaulichen (Abb. 10, 11, 12 und 13).

Abb. 10 bis Abb. 13 — Vier Stadien der Berufsschwerhörigkeit im Vergleich Sänger und Arbeiter an Flugzeugmotoren; Beginn bei 4000 Hz, sodann Ausdehnung zu den hohen Tönen und den tiefen Tönen.
Man stellt fest, dass sich bei diesen Sängern eine Schwerhörigkeit einstellt, vom Typus Berufsschwerhörigkeit, beginnend bei der Frequenz 4000 Hz und sich anschließend auf die hohen Töne ausdehnend, sodann auf die tiefen Töne, ganz wie bei den dem Lärm ausgesetzten Subjekten.
Anders gesagt — und wir beharren ganz besonders auf diesem Punkt — die Sänger zerstören ihr Hören durch ihre eigene Klangintensität, ein Phänomen, dessen Folgen sehr schwerwiegend sind.
b) Hör- und Stimmskotome (*).
Die Folgen sind in der Tat schwerwiegend, denn dieser auf die hohen Töne selektiv ausgerichtete Hörverlust drückt sich in einem V-förmigen Skotom aus, das sich verstärkt, wie wir es bei Berufsschwerhörigkeiten festzustellen pflegen, während im Übrigen die Stimmstörungen auftreten.
Um diese letzteren Störungen zu identifizieren, haben wir eine Spektralanalyse durch Abtastung mittels einer Kathodenstrahlröhre vorgenommen, die in Abszissen die Frequenzen und in Ordinaten ihre relative Intensität beschreibt. Sehr schnell haben wir ein grundlegendes Phänomen festgestellt: das Hörskotom drückt sich durch das Auftreten eines Skotoms auf dem Stimmspektrum aus.
Wir können daraus ableiten, dass die Zerstörung einer Stimme nicht, wie man glaubt, mit einer Abnutzung, einer Zerstörung des Kehlkopfs verbunden ist, sondern mit einer Verringerung des Hörfeldes, wobei die Phänomene des Kehlkopfleidens sekundär sind.
Damit ein Sänger nämlich jene hohe Resonanz erlangen kann, die er unablässig sucht, braucht er absolut ein vollkommenes Hören des Bandes, das sich jenseits von 2000 Hz erstreckt. Sobald er diese Möglichkeit verliert, „rutscht" seine Stimme „in den Hals", und die sogenannten Kehlkopflaute werden gepresst und forciert. Anfangs nutzt der Sänger Resonanzmöglichkeiten, das heißt stehende Wellen, die ohne beträchtliche Muskelenergie leicht zu unterhalten sind. Im Gegenteil verlangen die Halslaute mit starken Kehlkopfstützen einen bedeutenden physischen Aufwand und erweisen sich für den Kehlkopf als traumatisierend.
Der fortschreitende Verlust des Hörens der hohen Töne zieht Störungen der Hervorbringung nach sich, umso schneller, als das Register die Verwendung der hohen Tonleitern auferlegt. So sind die Tenöre die ersten Betroffenen, und sobald das Skotom 2000 Hz erreicht, ist die Laufbahn des Sängers ernsthaft kompromittiert. Hingegen weiß man, dass eine Stimme von einer umso längeren Dauer profitiert, je tiefer sie ist. Trotzdem ist sie weniger reich an hohen Obertönen, sie ist weißer.
Ohne sich speziell den Sängern zuzuwenden, kann man leicht bemerken, dass sich die Stimme verschlimmert in dem Maße, wie die Presbyakusis fortschreitet, anders gesagt in dem Maße, wie das Individuum altert.
Zusammenfassend kann man sagen, dass ein Subjekt nur die Klänge hervorbringt, die es zu hören imstande ist.
Die Hörselektivität
Diese letzte Schlussfolgerung ist noch zu weit gefasst und verdient, dass man bei ihr verweile. Wenn es wahr ist, dass ein Individuum die Klänge, die es nicht mehr hört, nicht mehr wiedergibt, so gibt es darum nicht alle wieder, die es hört.
Daher haben wir gesucht, was wir die Hörselektivität genannt haben, das heißt die Fähigkeit, die ein Ohr besitzt, eine Frequenzveränderung innerhalb des Klangspektrums wahrzunehmen und die Richtung der Veränderung zu situieren.
Wir haben die folgenden Forschungsverfahren verwendet:
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entweder, indem wir Klänge von den Höhen zu den Tiefen passieren ließen und das Individuum baten anzugeben, ab welchem Zeitpunkt der Klang sich ändert;
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oder, indem wir zwei Geräusche in variablen Abständen und in unterschiedlichen Höhen sendeten;
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besser noch, indem wir dem Subjekt dank einer Reihe von Filtern die Wahl boten, selbst seine bevorzugte Hörweise einzustellen.
Wir haben alsdann hinsichtlich ihrer theoretischen Tragweite überraschende Ergebnisse erhalten.
Tatsächlich gibt es, was die Hörselektivität betrifft, ein gut definiertes Ohr für die Tenöre, für die Baritone und Bässe, woraus eine Theorie der Register hervorgeht, die die vorhergehenden Ergebnisse bestätigt.
Überdies gibt es ein ethnisches Hören, auf das wir uns leider nicht ausdehnen können, auf das wir aber demnächst zurückzukommen hoffen.
Einige Beispiele werden genügen, um die ganze Tragweite dieser Phänomene zu zeigen.
Das italienische Ohr ist ein sehr armes Ohr. Die Selektivität schreibt sich zwischen 2000 und 4000 Hz ein (Abb. 14). Sie ist zwischen 1000 und 2000 Hz gleich Null, während das französische Ohr im Gegenteil zwischen 1000 und 2000 Hz sehr begrenzt ist (Abb. 15). Wir werden experimentell die Folgen davon sehen. Zum Beispiel das außerordentliche Auftreten der Nasale, was das französische Ohr betrifft.
Die Russen ihrerseits haben eine sehr ausgedehnte Selektivität, mit einer größeren Affinität zu den Tiefen (Abb. 16). Ihre Stimme ist weit und warm. Überdies erlaubt ihnen dieses sehr ausgedehnte Hörband, im Gegensatz zum Fall der Franzosen und Italiener, alle Konsonanten wahrzunehmen und folglich aufzuzeichnen. Man weiß ja, mit welcher Leichtigkeit Russen Fremdsprachen lernen. Dieses Phänomen ist einfach auf ihre große auditive Durchlässigkeit zurückzuführen.

Abb. 14, Abb. 15 und Abb. 16 — Vergleichende Hörselektivität: italienisches Ohr (2000-4000 Hz), französisches Ohr (sehr begrenzt 1000-2000 Hz), russisches Ohr (sehr ausgedehnt, Affinität zu den Tiefen).
Schluss. — Objektive Audiometrie
Aus diesen theoretischen und experimentellen Daten lassen sich beträchtliche praktische Elemente ableiten. Tatsächlich studieren wir seit mehr als einem Jahr eine objektive Audiometrie, ohne wirkliche Teilnahme des untersuchten Subjekts, ohne dass man sich um seine Antworten zu sorgen hätte. Sie beruht allein auf den vorangegangenen experimentellen Feststellungen.
So gehen wir vor:
Das Subjekt wird vor ein Mikrofon (M) gestellt, wie Abbildung 17 zeigt. Dieses Mikrofon ist mit einem Analysator (An) verbunden, der eine ultraschnelle automatische Abtastung mit sehr ausgedehntem Band durchführt, dank einer Überlagerung von fünf Linien, welche die Spektralanalyse des Klangs von 0 bis 10000 Hz oder 20000 Hz auf 50 cm erlauben.
Dasselbe Mikrofon erlaubt sodann, einen Verstärker (Am) anzusteuern, und es bieten sich uns alsdann mehrere Wege:
1° Auf Weg I empfängt das Individuum unmittelbar seine normale Stimme und kann sie so kontrollieren;
2° Auf Weg II kann die verstärkte Stimme, je nach Steuerung, gehen:
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entweder durch einen Tiefpassfilter, variabel von unendlich bis null;
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oder durch einen Bandpassfilter, variabel in Ausbreitung und Höhe;
3° Auf Weg III schließlich wird die Stimme mit einem Hintergrundgeräusch vom Typus weißes Rauschen vermischt, das in Intensität (in Dezibel) dosiert und überdies in seinen Ausbreitungsdimensionen begrenzt werden kann, dank der Durchgänge durch das Spiel der Tiefpass-, Hochpass- und Bandpassfilter.

Abb. 17 — Schema der Apparatur der objektiven Audiometrie: Mikrofon (M) → ultraschneller Abtastanalysator (An) → Verstärker (Am) → drei Wege: I (direkte Rückführung), II (Tiefpass- / Bandpassfilter), III (Mischung gefiltertes weißes Rauschen) → Audiometer.
So erhalten wir die folgenden Ergebnisse:
1° Auf Weg I spricht das Individuum normal vor dem Mikrofon, wobei es sich mit Hilfe der Kopfhörer kontrolliert. Wir erhalten alsdann ein Hüllkurvenspektrum, und wir haben gesehen, dass experimentell dieses Spektrum sich in die Hüllkurve des Hörspektrums des Individuums einschreibt;
2° Auf Weg II, wenn wir den Tiefpassfilter verwenden, schneiden wir alle Höhen in variabler Höhe ab, und wir stellen die Kompression des Klangspektrums in den auferlegten Grenzen fest. Ebenso für den Hochpassfilter. In beiden Fällen bemerkt man, dass das Individuum für gewisse Zonen die gebotenen Bänder nicht mehr zu sättigen vermag. Wir befinden uns alsdann in einer Zone, die es nicht mehr wahrnimmt. Schließlich, dank des Bandpasses, den man nach Belieben reduzieren oder öffnen und den man auf dem gesamten Weg des normalen Hörspektrums verschieben kann, stellt man fest, dass das Stimmspektrum demselben Bandpass folgt, der dem Hören auferlegt wird, und jedes Mal, wenn ein Loch sich im Klangspektrum der Kathodenstrahlröhre offenbart, finden wir das Hörloch wieder. Dieses Ergebnis bestätigt stets das vorhergehende.
3° Auf Weg III kann man eine andere Probe mittels eines Weißrauschgenerators erhalten. Man sendet in das Hören des Subjekts ein progressives Hintergrundgeräusch. In einem bestimmten Augenblick stellt man fest, dass das Stimmspektrum an Intensität zunimmt, und zwar auf globale Weise für alle Frequenzen. Wir haben alsdann die Hörschwelle erreicht. Von diesem Moment an spricht das Subjekt lauter, weist aber stets ein Stimmspektrum von identischem Verlauf auf, das heißt ohne Veränderung des Timbres. Sodann erhöht man einen Teil des Spektrums des injizierten weißen Rauschens, der zum Beispiel das Band 0-1000 Hz betrifft. Man sieht das Stimmspektrum eine Verschiebung zu den hohen Tönen vornehmen. Das Individuum beginnt lauter zu sprechen und das Timbre zu ändern. Es ist ein positives Lombard-Phänomen.
Wir können sodann unser injiziertes Spektrum progressiv zu den Höhen hin ausbreiten. Jenseits einer gewissen Grenze, 4000 Hz zum Beispiel, ist das Individuum unfähig, weiterzugehen. In diesem Augenblick befinden wir uns an der oberen Grenze seines Hörens der hohen Töne.
Man kann so, ohne Wissen des Subjekts, die Ausbreitung seines Hörens kennen und eine wahre objektive Audiometrie durch Rückkopplung Hören-Phonation verwirklichen.
Man sieht also durch die wenigen Zeilen dieser Darlegung den wesentlichen Anteil, den das Hören an der Phonation hat, und die bedeutenden Folgen dieser Beziehungen, die wir in diesem Artikel haben nur zusammenfassen können.
(*) 78, avenue Raymond-Poincaré, Paris (16.).
(*) Bradylalie: Verlangsamung der Sprache.
(*) Skotome: Löcher.
Quelle: Tomatis A., „Audiométrie objective : résultats des contre-réactions phonation-audition", Auszug aus dem Journal Français d’Oto-Rhino-Laryngologie (J.F.O.R.L.), Band VI, Nr. 3, Mai-Juni 1957, S. 379-391 (dreizehn Seiten, siebzehn Abbildungen). Imprimerie R. Gauthier, 35 rue Viala — Lyon. Digitalisiertes Dokument aus dem persönlichen Archiv Alfred Tomatis’.