Mitteilung von Alfred Tomatis — damals Ex-Assistent der HNO-Abteilung des Krankenhauses Bichat und stellvertretender Direktor des Forschungslaboratoriums der S.F.E.C.M.A.S. (Société Française d’Étude et de Construction de Matériel Aéronautique Spécial, Arsenal de l’Aéronautique). Diese neunzehnseitige, als Sonderdruck (S. 335 bis 353) aufbewahrte Abhandlung legt die Tomatis’sche Methode zur Berichtigung der gesungenen Stimme dar: Platz des Phoniaters zwischen dem HNO-Arzt und den Gesangsprofessoren, vierfaches Untersuchungsprotokoll (otorhinolaryngologisch, magnetische Aufnahme, oszillographisch-spektrographische Analyse, Audiometrie), Syndrom der auditiven Unverträglichkeit zwischen Meister und Schüler, und spektrographischer Nachweis des stimmlichen Niedergangs Enrico Carusos von 1901 bis zum Ende seiner Laufbahn (Abb. 7 bis 17). Der Verfasser schließt mit der Beschreibung der Reedukationsapparatur mit Tiefpass- und Hochpassfiltern (Abb. 29), die eine der ersten öffentlichen Formulierungen des Elektronischen Ohrs darstellt.

Die Berichtigung der gesungenen Stimme

von A. Tomatis
Ex-Assistent der HNO-Abteilung des Krankenhauses Bichat,
Stellvertretender Direktor des Forschungslaboratoriums der S.F.E.C.M.A.S.

Sonderdruck, S. 335-353 (neunzehn Seiten, dreißig Abbildungen).

I. — Der Phoniater, zwischen dem HNO-Arzt und dem Gesangsmeister

Die Untersuchung der gesungenen Stimme und mehr noch ihre Berichtigung zwingen den Phoniater, sich am genauen Punkt aufzuhalten, an dem zwei Welten zusammentreffen: die des Oto-Rhino-Laryngologen, der den Kehlkopf betrachtet, und die des Gesangsprofessors, der dessen ästhetisches Ergebnis hört. In dieser Grenzzone, die lange schlecht bewohnt war, haben wir eine objektive Disziplin einzurichten gesucht, die sich auf Messungen stützen könnte und nicht mehr allein auf den Eindruck — sei es selbst auf jenen eines sehr erfahrenen Meisters.

II. — Wie gehen wir vor?

Vier ergänzende Untersuchungen bilden unser Protokoll:

Eine vollständige oto-rhino-laryngologische Untersuchung, mit besonderer Aufmerksamkeit für den Kehlkopf, den Pharynx und die Nasenhöhlen;

Eine Aufnahme der Stimme auf Magnetband, die das Archiv sein wird, das den Vergleich aus der Ferne erlaubt;

Eine oszillographische und spektrographische Analyse jedes hervorgebrachten Klangs, die die harmonische Hüllkurve liefert und erlaubt, die untersuchte Stimme mit den Referenzkurven zu vergleichen;

Eine tonale und vokale Audiometrie, ergänzt durch die Untersuchung der Unbehagensschwelle und, wenn die Natur der Dysphonie es rechtfertigt, durch die Diskriminationsproben.

III. — Was sehen wir?

Zwei klinische Bilder zeichnen sich mit einer Regelmäßigkeit ab, dass man sie auf allen Etappen unserer Konsultation wiederfindet:

A) Das junge Subjekt in voller stimmlicher Technik, das sich über eine einsetzende Dysphonie, einen Verlust der Genauigkeit oder eine Unfähigkeit beklagt, ein bestimmtes Register zu überschreiten.

B) Der bestätigte Sänger, manchmal berühmt, dessen große Stimme zerbröckelt und der sein Repertoire schrumpfen sieht.

IV. — A) Das junge Subjekt in stimmlicher Technik

Bei diesem Subjekt begegnet man gewöhnlich zwei Mechanismen:

Ein Bruch der Synergie zwischen der Atmung, der Kehlkopfführung und der Hörkontrolle. Die Stimme entgleist, die Hervorbringung wird instabil, das Ohr vermag die Phonation nicht mehr in ihr gewohntes Geleise zurückzubringen.

Ein Syndrom der auditiven Unverträglichkeit zwischen dem Professor und dem Schüler. Es handelt sich hier um eine Beobachtung, die wir mehrfach gemacht haben und die der folgende Fall vortrefflich illustriert: ein vierundzwanzigjähriger Sänger, in großer Schwierigkeit mit seinem Meister, kam uns konsultieren; sein Audiogramm war mit demjenigen seines Professors identisch — ein Audiogramm vom Typus, den wir als Caruso-Ohr qualifiziert haben. Die Technik des Meisters, vollkommen an seine eigene Kurve angepasst, wurde auf den Schüler unanwendbar, sobald man ihm eine seinem Hören fremde Hervorbringung aufzuerlegen suchte.

Abbildung 1

Abb. 1 — Audiogramm unseres Richters: der sehr starke Abfall ab 2000 Hz erreicht 30 dB ab 4000 Hz. Ein solches Ohr ist unfähig, einen Caruso-Klang in seiner Gesamtheit wahrzunehmen.

Aus dieser Beobachtung folgt eine praktische Regel: es ist wichtig, dass der Schüler ungefähr wie sein Meister hört; andernfalls kann der Meister seine stimmliche Geste nicht übermitteln, ohne den Schüler zu schädigen.

V. — B) Das Problem der verlorenen großen Stimmen

Das zweite Bild ist das der Sänger der Laufbahn, die ihre Stimme sich verschlechtern sehen. Unsere Audiogramme zeigen fast immer eine Beeinträchtigung des Reservepotentials auf, das zwischen 1500 und 2000 Hz liegt — eine Beeinträchtigung, die einer verlängerten Exposition gegenüber starken Klangintensitäten entspricht: die lyrische Stimme, in voller Hervorbringung, erreicht 110 bis 120 dB in einem Meter Abstand von den Stimmbändern — ein Pegel, der weitgehend ausreicht, beim Sänger selbst eine wahre Berufsschwerhörigkeit zu erzeugen (Abb. 5).

Abbildung 2

Abb. 2 — Typuskurve des musikalischen Ohrs: relativer Anstieg, der sich progressiv von 500 Hz zu 2000 Hz erstreckt, Höhendifferenz von 10 bis 20 dB.

Abbildung 3

Abb. 3 — Audiometrische Antworten, am rechten Ohr zweier Subjekte aufgenommen — Schema links: junger Sänger seit 4 Jahren (Selbsttrauma), Schema rechts: Einsteller an einem Kolbenmotor (4 Jahre in Lärmumgebung). Ansatz des Lochs bei 4000 Hz.

Abbildung 4

Abb. 4 — Zwei Subjekte: links Sänger seit 15 Jahren; rechts Einsteller an einem Motor seit derselben Zeit. Der Abfall jenseits von 2000 Hz ist sehr beträchtlich.

Abbildung 5

Abb. 5 — Das Defizit ist bedeutend geworden: spürbare Veränderung des Hörens im Konversationsbereich, Ergebnis von 20 Jahren Lärmexposition.

Abbildung 6

Abb. 6 — Zwei Kurven, die zwei totalen Tauben nach 25 Jahren klanglichem Trauma entsprechen.

VI. — Spektrographie der Stimme Carusos (1901 — Ende der Laufbahn)

Um diesen Beobachtungen ihre ganze Tragweite zu geben, haben wir der spektrographischen Analyse die Gesamtheit der auf Walze, dann auf Schallplatte erhaltenen Aufnahmen Enrico Carusos unterzogen, von seinen ersten Versuchen 1901 bis zu den Sitzungen, die seinem Tod vorausgingen. Diese einzigartige Reihe gestattet eine wahre spektrale Autopsie der großen Stimme.

Abbildung 7

Abb. 7 — Ein Fis₃ — Spektrogramm.

Abbildung 8

Abb. 8 — Ein Cis₄ — Spektrogramm.

Abbildung 9

Abb. 9 — Ein As₃, charakteristisch für den Caruso-Klang: Grundton von geringer Intensität, breites Band hoher Obertöne jenseits von 2000 Hz, Vorherrschaft der Obertöne über den Grundton.

Abbildung 10

Abb. 10 — Ein B₃ auf einem Nasal (AN) — die Caruso’sche Entwicklung hat sich fortgesetzt: luftigere, samtigere, mehr in den Kopf platzierte Stimme.

Abbildung 11

Abb. 11 — Ein B₃ auf einem A — Bild identisch mit dem vorhergehenden, ohne nasale Beteiligung.

Abbildung 12

Abb. 12 — Ein As₃ von Caruso 1906 hervorgebracht (gute Zeit): beträchtlicher Anstieg des Grundtons, reduzierte Obertöne.

Abbildung 13

Abb. 13 — Ein A₃ auf einem A — Caruso später, gegen 1910-1912: Verminderung der hohen Obertöne, durch Ausbreitung des Grundtons sichtbare tiefe Klänge.

Abbildung 14

Abb. 14 — Noch typischer dieses A₃ auf I: die hohe Garbe verringert sich, die Halsklänge nehmen zu.

Abbildung 15

Abb. 15 — Dieses H₃ auf einem É liefert den überzeugendsten Beweis des Abfalls der Höhen, des Anstiegs des Grundtons und des sehr starken Auftretens des traumatisierenden Halsklangs.

Abbildung 16

Abb. 16 — In diesem Spektrum, das einem A₃ auf einem É entspricht, erkennt man die charakteristischen Elemente des Caruso-Klangs nicht mehr — es erinnert in frappanter Weise an das Spektrum von Abbildung 7.

Abbildung 17

Abb. 17 — Ein auf einem H₃ auf einem A hervorgebrachter Klang: der Grundton hat eine übertriebene Bedeutung angenommen und erreicht eine Intensität, die 70 dB weit überschreitet.

Die Lehre dieser Reihe ist unmissverständlich: die Verschlechterung des Hörens zieht eine Verschlechterung des Stimmspektrums nach sich, die sich durch drei Zeichen kundgibt — der Grundton schwillt an, die hohen Obertöne verschwinden, die nasale Beteiligung und die Halsklänge überschwemmen die Hervorbringung.

VII. — Zweites Beispiel: ein heutiger Sänger

Um zu prüfen, dass das, was Caruso befallen hat, nicht das Vorrecht einer außerordentlichen Stimme ist, haben wir mehrere Jahre einen zeitgenössischen Sänger internationaler Laufbahn verfolgt, dessen spektrographische Entwicklung das oben beschriebene Szenario getreu wiederholt.

Abbildung 18

Abb. 18 — Ein As₃ (zeitgenössischer Sänger, Beginn der Laufbahn): Grundton, der 30 dB nicht überschreitet, bedeutende Garbe von Obertönen jenseits von 4000 Hz, Spitze bei 1500 Hz = nasale Beteiligung.

Abbildung 19

Abb. 19 — Ein F₃ auf einem A: dieselben Merkmale — geringe Grundtonbeteiligung, starke Beteiligung der nasalen Resonanzen.

Abbildung 20

Abb. 20 — Ein G₃ auf einem É.

Abbildung 21

Abb. 21 — B₃ auf einem OR (gute Zeit dieses Sängers): gepresster, forcierter Klang; Spitze bei 300 Hz (Halsstütze), sodann zu intensiver Grundton im Verhältnis zu seinem hohen Assoziierten.

Abbildung 22

Abb. 22 — Ein B₃ auf IEU — dieselbe Legende wie für die vorhergehende Abbildung.

Abbildung 23

Abb. 23 — Ein D₃ auf einem A, von diesem Sänger am Ende seiner Laufbahn hervorgebracht: Anstieg des Grundtons, vorherrschende nasale Beteiligung, kein Oberton mehr jenseits von 2000 Hz.

Abbildung 24

Abb. 24 — Ein zur selben Zeit aufgenommenes D₃ — dieselben Merkmale wie das vorhergehende Spektrum.

Abbildung 25

Abb. 25 — Ein F₃ auf einem O: es bleibt kaum mehr als eine sehr ausgeprägte Nasalisierung.

VIII. — Therapeutische Wiederherstellung

Die therapeutische Anwendung unserer Methode besteht alsdann darin, das Audiogramm wiederherzustellen — durch medizinische Pflege (Plazentaextrakt, Vitamin C, Vitamin B in hoher Dosis), sodann durch experimentelle Reedukation des Ohrs mittels Filtern —, um das Stimmspektrum spontan zu seiner früheren Konfiguration zurückkehren zu sehen.

Abbildung 26

Abb. 26 — Ein D₃ auf SOL mit Spektrum des hervorgebrachten Klangs und überlagertem Audiogramm des Sängers — der Verlust der Obertöne jenseits von 2000 Hz verläuft parallel zum Abfall der Kurve.

Wir haben uns bemüht, bei diesem Sänger ein Hören wiederherzustellen, das identisch ist mit dem, den die Hüllkurve der früheren Spektren gab, und außer der Pflege aus Plazentaextrakt, Vitamin C und Vitamin B in hoher Dosis haben wir sein Ohr reeduziert, wobei wir, wie wir oben gesehen haben, berücksichtigten, dass die Zerstörung der Stimme zu einem bestimmten Zeitpunkt beim Auftreten tiefer Klänge erfolgte, einer Hörzone, die als einzige noch kontrolliert war. Wir haben uns gefragt, ob wir, indem wir diese traumatisierenden Obertöne durch ein Filtersystem bei der Kontrolle der gesungenen Stimme unterdrückten, nicht eine umgekehrte Verschiebung des gesamten stimmlichen Volumens zu den hohen Tönen erhalten würden: das hat uns die Erfahrung bestätigt.

Das Ergebnis ist unmittelbar; sogleich singt das Individuum, ohne zu pressen, die Genauigkeit seines Klangs erscheint wieder, zugleich mit dem Wiederfinden der einstigen Qualität.

Abbildung 27

Abb. 27 — Spektrum, sofort bei der experimentellen Veränderung des Ohrs des Subjekts aufgenommen: Grundton guter Qualität, geringe nasale Beteiligung, Obertonpfeil gegen 3000 Hz.

Abbildung 28

Abb. 28 — Spektrum, das dieselbe Probe wie das vorhergehende illustriert.

IX. — Die Reedukationsapparatur

Die Reedukation geschieht einfach, wie wir sie in den praktischen Übungen vorgestellt haben, dank unserer Apparatur, deren Schema wir untenstehend wiedergeben.

Abbildung 29

Abb. 29 — Schema der experimentellen Apparatur, die für die Reedukation der Sänger verwendet wird: Vorverstärker, C.R.-Stufe, Zwischenstufe mit Filtern T.P. und H.P., Leistungsstufe, elektrodynamische Kopfhörer (Netzspannung 110/230 V).

Das zu reeduzierende Subjekt stellt sich vor das Mikrofon und trägt die Kopfhörer, während der Bediener nach Belieben die Frequenzgrenze verändern kann:

  • im Tiefpass (T.P.): ab 3000 Hz, 2000, 1500 und 1000 Hz.

  • im Hochpass (H.P.): ab 500, 1000 und 2000 Hz.

Experimentell verlieren, sobald wir den Ausgang des Klangs verändern, indem wir im T.P. progressiv die Frequenzen von 3000 bis 1000 Hz abschneiden, die vom Subjekt hervorgebrachten Klänge ihren Glanz, werden Kopfresonanz, werden gepresst, gestaut. Das Gesicht verändert sich, die Züge sind angespannt, der Mund schließt sich. Im Gegensatz dazu, bei einem Abschneiden im H.P. der Frequenzen 1000 und 2000 Hz, werden die umgekehrten Phänomene beobachtet. Die Stimme löst sich, erhellt sich, der Mund öffnet sich maximal und die Züge entspannen sich. Erfolgt der Abschnitt oberhalb von 2000 Hz, so entvitalisiert sich die Stimme in der Nase, und das singende Individuum kann nichts verändern; Phänomen, das beim Abschnitt bei 2000 Hz augenblicklich aufhört.

Die Reedukationssitzungen dauern im Durchschnitt zwischen zehn Minuten und einer halben Stunde. Nach einer Woche Pflege mit zehn Sitzungen pro Tag sehen wir das Subjekt eine spürbar normale Stimme wiederfinden, während parallel sein Kehlkopf, vor den ihn verletzenden Klängen geschützt, sein normales Aussehen wieder annimmt.

Es ist zu bemerken, dass wir bei der Zerstörung der Stimmen häufiger Tenöre als Bässe oder Baritone antreffen. Dies ist wesentlich verbunden mit der größeren Beeinträchtigung, die sie durch ihre Berufsschwerhörigkeit erfahren, und damit, dass sie in ihrem Bedürfnis, sich zu erheben, keine so hohen Obertöne zu erzeugen brauchen wie die Tenöre.

X. — Schluss

Schließlich, zum Abschluss, sei darauf hingewiesen, dass diese Forschungen nicht jeder Heiterkeit entbehren. Wir konnten Ihnen bei den praktischen Vorführungen einen schwarzen Sänger hören lassen, einen vollendeten Pianisten, einen guten Komponisten, der uns konsultieren kam, um seine stimmlichen Möglichkeiten zu erfahren. Er zeigte bei der Untersuchung einen normalen Kehlkopf, einen normalen Rhino-Pharynx, ein für einen Sänger sehr untypisches Audiogramm. Unserer Auffassung gemäß war es unmöglich, dass er richtig sang. Wir bitten ihn zuerst, einen „Negro" zu singen: er bietet bereits viele Schwierigkeiten im genauen Ausdruck seiner Stimme. Wir bitten ihn sodann um eine europäische Arie, und es ist geradezu unmöglich, zumindest bis zur Hälfte des aufgeführten Stücks, die Melodie zu erkennen, die unser Künstler gewählt hatte.

Abbildung 30

Abb. 30 — Audiogramm, das einem nicht musikalischen Ohr entspricht: kein progressiver Anstieg zwischen 500 und 2000 Hz; Loch bei 1500 Hz.

Schließlich, zum Schluss, sei es uns erlaubt, hier unserem Meister Doktor Tarneaud zu danken, der mit seiner ganzen Kompetenz und auch für uns mit seinem ganzen Wohlwollen unsere Forschungen auf diesem Gebiet überwölbt und überwacht.


Quelle: Tomatis A., „La correction de la voix chantée", Sonderdruck, S. 335-353 (neunzehn Seiten, dreißig Abbildungen). Arbeit, durchgeführt am Forschungslaboratorium der S.F.E.C.M.A.S. (Société Française d’Étude et de Construction de Matériel Aéronautique Spécial, Arsenal de l’Aéronautique). Digitalisiertes Dokument aus dem persönlichen Archiv Alfred Tomatis’.